KRITIK – JOHNNY MNEMONIC (MEDIABOOK)

© Columbia Tri-Star Filmgesellschaft GmbH / Turbine Medien

Autor: Tom Burgas

Heute schon verstärkt sich der Wunsch mehr auf digitale Bildschirme zu schauen, andere Identitäten im World Wide Web anzunehmen oder per VR-Brillen regelrecht in eine andere Realität einzutauchen. Es gibt kaum mehr jemand der nicht wenigstens ein Knopf im Ohr hat, um sich im Ansatz von der Realität zu verabschieden oder sich per Knopfdruck sofort mit Freunden zu unterhalten, die er möglicherweise seit Jahren ,,kennt“, jedoch nie sah. Immer weiter manövrieren wir uns in eine Zukunft, die bis vor 20 Jahren noch sehr viel mehr als reine fiktionale Dystopie galt und die allgemein gehalten in einem Begriff gipfelte…dem Cyberpunk.

Einfach ausgedrückt geht es um den Grundgedanken dass uns die Technik irgendwann dazu treiben wird, dass wir sie nicht nur nutzen, sondern von ihr abhängig sind und auch mit ihr immer mehr verschmelzen, neue Daseinsformen erstreben und selbst Teil einer digitalen körperlosen Welt werden. In den meisten Fällen wird dies natürlich als Kritik genutzt, als Blick darauf, dass wir das Menschsein verlernen und wir abstumpfen, wir selbst zu geistlosen Machinen werden.

Einen direkten Anfang dieser Überlegungen kann man schwerlich ausmachen, da die Angst vor der Technik mit dieser  von Anfang an einhergeht und man selbst in Frühwerken wie „Metropolis“ hierzu Anleihen findet. Allerdings gab es eine Hochzeit und eine Gallionsfigur des Cyberpunks welche/r sich in den 80ern herauskristallisierte, eine Zeit in der dies natürlich perfekt zum glatten kapitalistischen Zeitgeist dieser Ära passt. Bei der Gallionsfigur ist die Rede von William Gibson. Dieser hat mit seiner „Sprawl“-Trilogie die Bibel für den Cyberpunk erschaffen und alle Weichen gestellt, welche bis heute als Inspirationsquelle dienen und immer wieder verwurstet und genutzt werden. Besonders der erste Teil namens „Neuromancer“ nimmt einen besonderen Stellenwert ein. Gerne werden Punk, Film Noir, Detektivstories und mächtige Konzerne in einen Topf geschmissen mit der ewigen Frage, wie lange man noch Mensch ist und wann Machine. Schon in den 80ern entstanden auch aus anderen Vorlagen natürlich Klassiker wie „Blade Runner“, „Terminator“, „Tron“ oder „Akira“ um nur wenige zu nennen.

 

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Auch die Kurzgeschichte „Der mnemonische Johnny“ von Gibson sollte bereits in den 80ern verfilmt werden, jedoch gab es mehrere Schwierigkeiten. Angefangen hat es damit, dass Gibson noch nicht bekannt war und auch die Rechtefrage nicht geklärt werden konnte. Robert Longo, der Regisseur des Films, wollte das Ganze schon viel früher angehen und das auch nicht in der Form, wie der Film heute bekannt ist. Nein, es sollte ein kleiner dreckiger Schwarz/Weiß Film-Noir werden. Dafür brauchte er zirka 1-2 Millionen Dollar, doch keiner wollte ihm das finanzieren. Nach längerem hin und her war das ambivalente jedoch, dass nach dem die Hollywoodstudios an Bord waren und somit die Ausrichtung des Projektes komplett überarbeitet wurde, sogar 26 Millionen reingepumpt wurden, was damals noch wesentlich mehr Kohle war als heute. Aber man spürte das Aufkommen derartiger Sci-Fi-Filme und auch Hauptdarsteller Keanu Reeves war durch „Speed“ gerade der Superstar geworden, der er heute noch ist. Schon hier merkt man die ersten Anzeichen dafür, dass sich der Grund, dieses Projekt machen zu wollen und vorallem dessen Auslegung, bei Regisseur und der Produktionsfirma teilweise massivst unterscheiden.

Bei der Besetzung liess man sich jedoch auch abseits des Hauptdarstellers nicht lumpen. So wollten die Macher aufgrund der verschiedene Produktionsgelder eben auch unterschiedlichste Nationalitäten im Film haben, was dem Film auch augenscheinlich gut tut. Neben erwähntem Keanu Reeves in der Hauptrolle, haben wir Dina Meyer als weiblichen Sidekick in ihrer ersten Rolle, die den meisten bekannt sein dürfte aus „Starship Troopers“. Henry Rollins und Ice-T gesellen sich noch als positive Randfiguren dazu, beide besonders damals absolute Größen im Musik und Zeitgeist. Ihnen entgegen stellt sich, ein in Japan fast schon als Gott verehrter, Takeshi Kitano und ein, wie immer, wunderbar schmieriger Udo Kier, der leider etwas wenig Screetime bekommt. Nicht zu vergessen in einer eher ungewohnten Rolle als gläubiger Christ und Mordmachine…Dolph Lundgren!!!

Also der Film rauskam bekam dieser eher gemischte bis schlechte Kritiken und hat weltweit um die 50-60 Millionen eingespielt. Für TriStar (Produktionsstudio) natürlich wenig befriedigend. Fans der Geschichte fanden zu wenig von der Vorlage im Film, Keanu galt als schlecht und generell wussten viele einfach nichts damit anzufangen und deklarierten ihn als Hochglanztrash. War er wirklich nicht gut oder einfach seiner Zeit voraus?

 

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Wenn man sich „Johnny Mnemonic“ heute anschaut, könnte man dies meinen, seine Einflüsse sind unverkennbar. Besonders zu spüren im 4 Jahre später erschienenden „Matrix“, wieder mit Hauptdarsteller Keanu Reeves. Im Grunde erzählt der Kultfilm eine ähnliche Geschichte und wurde ein Megaerfolg. Jedoch war die Internetzeit schon viel weiter entwickelt und der Grundgedanke kein reines Hirngespinst mehr. Die Technik ging also immer mehr Hand in Hand mit unserem Alltag.

Aber „Johnny Mnemonic“ ist trotzdem, wenn man ehrlich und reflektiert rangeht, perse‘ kein wirklich guter Film. So sehr das Szenario reizt und man die Intension des Machers spürt, zu sehr merkt man das Longo kein geübter Filmemacher war. Es fehlt an einer Rafinesse, die ein Ridley Scott bei „Blade Runner“ besaß, nichts ist wirklich perfekt. Die Schauspieler overacten vorzugsweise, die Ausleuchtung ist zu hell und auch will das Pacing nicht so wirklich stimmen. Die deutsche Synchro gibt dem Ganzen noch zusätzlich einen negativen Beigeschmack, also lieber im Original gucken.

Doch wo andere Filme dadurch schnell in der Tonne landen würden, merkt man bei diesem einfach die Idee dahinter, den Willen zum Denken anzuregen und dadurch funktioniert er in meinen Augen einfach. Natürlich zieht die Action keinem mehr die Schuhe aus, aber durch manche Ideen und Querverweise weiß er zu unterhalten. Den Trashappeal sollte man mitlerweile natürlich nicht von der Hand weisen, der hier aber  auch unterhaltend Rückendeckung gibt. Dass der Film allerdings oftmals nicht rund wirkt, ist eher den kompletten Umständen der Produktion geschuldet, bevor ich darauf eingehe, möchte ich jedoch zu der Neuveröffentlichung seitens Turbine Medien eingehen.

 

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Turbine und das kann ich hier für mich persönlich mal so sagen, sind einfach mal die geilsten Säue, wenn es um den Vertrieb von Filmen auf dem deutschen Markt geht. Ich will gar keine Werbung machen, sondern das ist 100%iges Fan sein. Wer sich mal ihre Veröffentlichungen anguckt wird mir beipflichten müssen. Die reissen sich den Arsch auf damit Fans genau das bekommen was sie haben wollen. Eine schöne Verpackung plus den erwähnten Arsch voll Extras und meist runden noch kleine Gimmicks das Paket ab – welches dabei den Preis rechtfertigt, wo viele andere nur eine Mogelpackung liefern.

Bevor ich auf alle Extras eingehe, möchte ich ein paar Worte zum Audiokommentar von Longo verlieren. Der Regisseur reflektiert wunderbar ehrlich was alles schiefgelaufen ist. Tristar wollte ganz klar ein typisches Action-Sommerbombastkino schaffen und lag mit Longo ständig im Klinsch. Selbst das Drehbuch war noch nicht fertig als der Dreh begann und jeden Tag mussten Seiten hin und her geschickt werden, um sie absegnen zu lassen. Dies ist natürlich für alle Beteiligten das hässlichste Umfeld welches man sich vorstellen kann. Dazu gab es jederzeit Ungereimtheiten mit dem zweiten Drehteam und den Kameramännern. Es war ein ständiger Kampf seiner Vorstellung von einem dreckigen Film Noir und der Vorstellung des Studios einen Popcornfilm auf die Beine zu stellen. Mit diesem Wissen versteht man auch zunehmenst warum der Film nicht konsequent und rund wirkt. Daher ist die ganze Produktionsgeschichte im Zusammenhang mit dem Film wohl viel interessanter als der Film ansich, den ich dabei aber in keinster Weise als schlecht abwerten möchte.

 

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Und dort helfen die erwähnten Extras der Neuveröffentlichung weiter. Zuerst haben wir natürlich den Film in seiner US-Version in HD mit schicken neu abgemischtem Dolby-Atmos Sound. Zudem gesellen sich der erwähnte Audiokommentar von Regisseur Robert Longo, der kein Blatt vor den Mund nimmt und frei von der Leber erzählt, wie es zu dem Film kam, ohne mit Standardfloskeln um sich zu werfen. Dieser hätte jedoch gerne auch deutsch untertitelt sein dürfen. Dazu kommt ein zweiter Audiokommentar, welcher vom deutschsprachigen Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen gesprochen wird und der eher über das Thema Cyberpunk ansich philosophiert, was ebenso unterhaltsam und informativ daherkommt. Dazu kommt eine Featurette, Interviews, Trailer und ein Musikvideo, was im Kontrast zum anderen aber eher als nettes Füllmaterial wirkt. Das Herzstück der ersten Blu-Ray ist für mich die japanische Langfassung, die hier in SD vorliegt. Auf diese gehe ich noch extra  ein, da diese für mich eindeutig die favorisierte Fassung ist und Hauptgrund für den Besitz des Mediabooks. Als würde das noch nicht reichen, hauen sie noch eine zweite Blu-Ray mit rein, welche den Film in Auro 3-D 9.1 bietet, eine genutzte Technik um den Dolby Sound noch punktuierter im Raum zu verteilen. Dann gibt es eine Tonspur, welche nur die Soundeffekte und den Score an Bord hat, Gold für Filmschaffende, die sich in dem Bereich informieren möchten. Und als Sahnestück obendrauf gibt es den Film in SD im 4:3 Format, die sogenannte Nostalgiefassung für Kinder der 80er und 90er, der letzte nötige Schritt um einem ein kleines Freudentränchen in das Gesicht zu schleudern. Abgerundet durch ein schönes Booklet, welches von Christoph Kellerbach und Kevin Zindler beigesteuert wurde, haben wir also wiedermal eine Musterveröffentlichung die jeden Cent wert ist und bei dem der eigentliche fehlerhafte, aber doch immernoch charmante Filme nur ein Tel des Ganzen ausmacht – wenn man sich eben auch für die Herstellung des Films interessiert. Ach ja, die ersten 1200 Mediabooks haben zusätzlich auch noch ein Kameraframe beiliegen.

Mein Schlussfazit zu „Johnny Mnemonic“ möchte ich anhand der japanischen Langfassung halten, die für mich einfach besser funktioniert. Diese ist nicht nur 9 Minuten länger sondern wurde zum Teil auch anders geschnitten und mit einem anderen Score unterlegt, welcher sich meines Erachtens besser integriert und mit seinem rockigen Sound viel eher zum Cyberpunk der 90er passt. Die zusätzlichen Szenen von Takeshi Kitano bringen mehr Tiefe rein, die man zwar bezüglich der Geschichte nicht unbedingt gebraucht hätte, aber allein dadurch, dass man ihn öfter sieht, bietet sich mehr Fläche was den Charakter angeht, der jetzt weniger unwichtig wirkt, als noch in der US-Version. Somit gewinnt er in dieser Fassung ungemein, bei welcher man am ehesten merkt was möglich gewesen wäre und rückt sich hier als Ganzes in ein gutes Mittelfeld.

 
 

Johnny Mnemonic - Bewertung

Seit dem 24. Februar 2017 als Blu-Ray Mediabook erhältlich!

Mediabook-Cover & Bilder © Columbia Tri-Star Filmgesellschaft GmbH / Turbine Medien.

 

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