KRITIK – TIGER GIRL

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© Constantin Film

Autor: Tom Burgas

Der Film ist geil…Punkt. Das muss ich erstmal gleich vorweg nehmen. Am besten genießt man ihn wohl ohne sich vorher von anderen Meinungen beeinflussen zu lassen (wie bei den meisten Filmen). Wenn deutsches Kino jenseits von Schweiger und Schweighöfer anläuft, stellt sich bei mir sowieso alles positiv auf. Was uns da entgegenrotzt in den letzten Jahren zeugt davon, dass auch wir langsam eine eigene Handschrift vorweisen können. Leider stehen im allgemeinen Fokus die Filme der genannten beiden Herren, deren Produktionen amerikanische Sehgewohnheiten imitieren wollen und dabei meines Erachtens den Ruf hiesiger Produktionen immer wieder einen ekligen Anstrich verpassen. Wer allerdings mal über den Tellerrand hinausguckt, sieht dass da eindeutig mehr zu holen ist. Man denke nur an die adrenalingeschwängerte Nacht in „Victoria“ oder dem David Lynchartigen Ausflug im „Nachtmahr“. Wir sind endlich in der künstlerischen Probierphase angekommen und genau aus dieser losgelösten Ecke kommt auch „Tiger Girl“.

Ich hatte mich auf einen für mich schwierigen Film eingestellt, denn der Film handelte laut Trailer von zwei Mädels mit einer recht überzeugenden Fick dich-Attitüde in Berlin. Und verdammt nochmal ich wohne eben in einem sozialen Brennpunkt in Berlin und muss mir das jeden Tag angucken. Will ich das auch noch im Kino sehen? Schon nach 5 Minuten dachte ich mir, dass das die richtige Entscheidung war. Gedreht wurde das Ganze von Jacob Lass – wieder in seinem eingeführten Fogma-Stil (als Anlehnung an die Dogmabewegung). Was das so genau heißt ist mir immernoch nicht klar, aber im Grunde will sich Lass von allen Regeln des Films lossagen, sofern es ihn in seiner Art und Weise Filme zu machen einschnürt. Keine festen Regeln, dass ist hier das Motto, wer selber schon einmal in Filmproduktionen involviert war, weiß wie leicht sich das anhört, aber im Grunde dann doch schwer ist durchzusetzen.

 

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© Constantin Film

Diese Trotzigkeit, sich nicht an Regeln  halten zu wollen, durchströmt den ganzen Film. Schon in den ersten Sekunden lernen wir die beiden Damen kennen. Maggy versemmelt ihre Prüfung zur Aufnahme in der Polizeischule und hat danach also einen eher bescheidenen Tag, was darin mündet, dass sie sich in ihrer Höflichkeit einen Parkplatz wegnehmen lässt. Auftritt Tiger, die beim Parkplatzdieb einfach den Seitenspiegel abtritt, das Ganze natürlich mit einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht. Nachdem die beiden ihre erste Prügelei hinter sich haben, ist dass der Startschuss einer beginnenden Freundschaft, welche immer mehr zu einem Strudel der Selbsterkennung und Gewalt führt.

Was Lass mithilfe seiner beiden Hauptdarstellerinnen auf die Beine stellt, ist nichts weiter als ein wunderbar energischer Fiebertraum, der erst nach und nach seine ganze Wucht entfaltet. Denkt man am Anfang noch dass er „nur“ ein Coming of Age-Drama im leichten Dokustil abliefern will (was auch ausreichend funktioniert hätte), reizt er sich selber immer weiter aus und mündet in Situationen die wohl eher nur noch optisch einen Realismusanspruch für sich beanspruchen. Denn wenn man logisch an die Sache geht, macht das alles recht wenig Sinn und ist  nicht mehr nachzuvollziehen, jedoch in seiner traumähnlichen Atmosphäre einfach interessant. Da reihen sich Kampfsequenzen an humoristische Szenen in denen man, in geklauten Uniformen, Männer sich nackt ausziehen lässt. Dass das ohne Konsequenzen bleibt ist weniger tragisch, da jederzeit ein Lebensgefühl transportiert wird,  welches man nur zu gerne selber täglich gerne innehätte. Somit hätte mich nicht gewundert, wenn es eine Vorlage in Comicform gegeben hätte, so sind auch alle männlichen Charaktere eher Contra eingestellt – jedenfalls aus dem Fokus der beiden Mädels gesehen. So sind diese entweder sexistisch, dumm, naiv oder in den Augen der Mädels einfach gegen sie.

 

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© Constantin Film

Dass das schwer zu mögen sein könnte will ich gar verneinen, denn besonders Maggie ist von Anfang an ein sehr hassenswerter Charakter. Ein charakterschwacher Mensch welcher sich kindisch und substanzlos immer assozialer entwickelt. Gott liebt man es sie zu hassen, was auch und vor allem der zauberhaften Glanzleistung von Maria Dragus geschuldet ist. Das titelgebende „Tiger Girl“ bietet auch nur wenig Identifikationsfläche: prollig und unangepasst, mit einer berliner Schnauze die selbst dem absoluten Urberliner zuwider wäre, bahnt sie sich ihren eigenen Weg durch ihr Chaosleben. Erst in den letzten Minuten zeigt sich genug Regung im Charakter und man hat endlich eine Seite auf die man sich als Zuschauer stellen kann. Zu diesem Zeitpunkt ist aber schon fast alles vorbei und endet in einem Finale, welches ich mir nicht hätte besser wünschen können und auf Fortsetzungen hoffen lässt, samt comic-ähnlichem Panel.

Der Film ist nicht perfekt und erreicht nicht die „Erhabenheit“ die meiner Meinung nach der schon erwähnte „Nachtmahr“ besitzt, ist aber eben das perfekte Beispiel für junges deutsches Kino, welches nicht unbedingt anecken WILL, aber dem es eben auch absolut scheißegal ist, ob es das tut. Auch könnte man ihn ernster ansehen und Sozialkritik sowie falsch ausgelebte Überzeugungen diskutieren, die er ganz klar zum Teil transportiert. Muss man aber nicht, dies hängt wohl einfach davon ab wie sehr man den Comiccharakter des Films erkennen mag oder was er in einem anspricht. Das zeigt auch, dass der Streifen einfach auf vielen Ebenen funktioniert. Ich saß jetzt auch nicht im Kino und fand alles toll, aber ich fand es toll vieles daran nicht zu mögen und zu wissen dass er vielleicht das auch auslösen will.

 

Tiger Girl - Bewertung

Ab dem 06. April 2017 nur im Kino!

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