KRITIK: SHOCKER (BLU-RAY)

© Studiocanal
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Autor: Dominik Starck

Wes Craven (SCREAM 1-4) hat mit NIGHTMARE – MÖRDERISCHE TRÄUME 1984 nicht nur die Alpträume seiner Protagonisten angegriffen, sondern auch die Psyche der Zuschauer. Zu Recht wurde sein Traumkiller Freddy Krueger zur Kultfigur und zum Star etlicher Fortsetzungen während Craven sich anderen Alpträumen zuwandte. Ende der 80er erschien SHOCKER, der den serienkillenden Fernsehmonteur Horace Pinker von der Leine lies. Der Film wurde kein Hit aber ein kleiner Kult. Doch was hat das mit AKTE X und DIRTY DANCING zu tun?

Zum Inhalt: Das Stadtidyll ist gestört: ein irrer Massenmörder bringt ganze Familien in ihren Häusern um. In einem Traum sieht Sportskanone und Polizei-Chef-Adoptivsohn Jonathan (Peter Berg), wie der Killer auch seine Familie umbringt, was in der Realität auch geschieht. Jonathan hilft seinem Vater (Michael Murphy) den Killer Horace Pinker (Mitch Pileggi) zu stellen. Pinker landet auf dem elektrischen Stuhl, doch sein vermeintlicher Tod ist erst der Anfang des Schreckens…

 

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DIRTY DANCING DES HORRORFILMS: SHOCKER NIGHTMARES

In dem beeindruckenden Gesamtwerk des 2015 verstorbenen Filmemachers Wes Craven wird SHOCKER selten auf den Top-Platzierungen genannt, was ein wenig unverdient ist, aber zahlreiche Gründe hat. Zum einen hat Craven im Laufe seiner Karriere so zahlreiche Klassiker des Schauerkinos abgeliefert, dass es selbst für einen soliden Film schwer wird eine Führungsposition einzunehmen, zum anderen sind die Parallelen zu NIGHTMARE ON ELM STREET doch sehr offensichtlich. Ein Killer, der auch nach seinem Tod noch neue Opfer sucht war eben genau die Essenz der Freddy Krueger-Filme, deren bereits fünfter Teil ebenfalls 1989 in die Kinos kam und es auf Platz 47 der Charts schaffte. SHOCKER musste sich mit Platz 62 zufriedengeben, wobei 1989 aber auch ein enorm starkes Boxoffice-Jahr war, in dem Kassenschlager wie BATMAN und INDIANA JONES UND DER LETZTE KREUZZUG liefen sowie erfolgreiche Fortsetzungen wie GHOSTBUSTERS II, LETHAL WEAPON II und ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT II. Der Film war bei weitem kein Flop, blieb aber hinter den Erwartungen, sodass eine mögliche Fortsetzung nicht realisiert wurde.

Dennoch hat sich SHOCKER über die Jahre unter Horrorfans einen guten Ruf erarbeitet, was mitnichten daran liegt, dass er ein verkanntes Meisterwerk wäre. Craven, der auch das Drehbuch schrieb, bediente sich für diesen Film einfach an jedem Honigtopf und hat alles zusammengeworfen, was Freude macht: einen völlig überzogen auftretenden Killer mit körperlicher Beeinträchtigung, ein Visionen erlebendes Sportler-Ass (normalerweise Teenie-Film-Gegenspieler), schwarze Magie im Gefängnis (woher kommen eigentlich die schwarzen Kerzen?), ein Knastausbruch und schließlich eine irre Verfolgungsjagd durch Träume und Dimensionen beziehungsweise Fernsehkanäle und Funkübertragungen. Ach, erwähnte ich schon wiederkehrende Mordopfer und Unterstützung aus der Geisterwelt?

Praktisch alles davon hat Craven schon einmal und besser in ernsten Filmen thematisiert. Doch SHOCKER genoss nahezu volle künstlerische Kontrolle Cravens, was dieser als befreiend empfand und zu genau diesem Rock N Roll-Gefühl führte, das SHOCKER versprüht. In dem Versuch einen neuen Freddy, ja, eine neue Horrorikone zu erschaffen machte Craven das Gegenteil dessen, was er später bei seiner Rückkehr zur NIGHTMARE-Reihe vollzog. Dort wollte er Freddy zurück zu mehr Düsternis und Ernsthaftigkeit führen, da die 80er den grausigen Traumkiller zum Witzbold überzeichnet hatten. Mit SHOCKER liefert Craven selbst einen zwar harten aber durchgehend amüsanten Film ab, eine klassische Partygranate. Alles ist so wild durcheinander gewürfelt und zusammen gemischt, so überzeichnet, dass es beinahe zur Satire verkommt.

 

© Studiocanal
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Während ein noch sehr junger Peter Berg, der heute eher als guter Regisseur bekannt ist (BOSTON) vielleicht noch etwas grün hinter den Ohren ist, dreht Mitch Pileggi als Horace Pinker gewaltig auf. In jedem anderen Film würde man das Overacting ankreiden, doch hier passt es ins Bild. Pileggi, damals selbst noch am Anfang seiner Karriere, sollte wenige Jahre später den Durchbruch im Fernsehen schaffen, als er die Rolle als stellvertretender Direktor des FBI Walter S. Skinner in AKTE X erhielt. Bis zur jüngst erschienenen 10. Staffel der Serie ist er Pileggi als Chef von Mulder und Scully an den „unheimlichen Fällen des FBI“ beteiligt, vor allem, da Pileggi beziehungsweise Skinner schnell zu Fan-Lieblingen avancierten. Neben Camille Cooper in der weiblichen Hauptrolle sind u.a. Ted (Theodor) Raimi (Ash VS EVIL DEAD, XENA) und Richard Brooks (LAW & ORDER, FIREFLY) zu sehen.

Selbst wenn der Film nicht gleich vom Start weg zum Hit der Horrorfilm-Szene wurde, so galt dies nicht für den Soundtrack, für den man die damaligen Größen der Hard Rock-Szene versammelte, um exklusive Songs aufzunehmen, was seinerzeit nicht selbstverständlich, sondern ein ganz neuer Trend war. Alice Cooper, Dangerous Toys und Paul Stanley von Kiss sind u.a. auf der Platte vertreten, die in Vinyl- und CD-Form bis heute überdauert hat. Der Vergleich zum Schmalzfilm-Klassiker DIRTY DANCING liegt hier nahe, denn dieser weiß auch mehr durch seinen unbestreitbar guten Soundtrack zu begeistern.

Man kann SHOCKER durchaus auch als metaphorische Kritik auf die Fernseh-Boom-Gesellschaft der späten 80er Jahre verstehen, wo die pädagogische Einschätzung vorherrschte, dass das dauerhafte Fernsehen den Menschen verdumme und insbesondere die Jugend verrohe. Sich unter Menschen oder in die Natur zu begeben oder Sport zu betreiben sei viel gesünder als das allabendliche „Glotzen“. Aus heutiger Sicht kann man sich fragen, wie die damalige 5-Kanäle-Gesellschaft reagieren würde, würde sie wissen, dass wir heute mit Leichtigkeit über 100 Kanäle empfangen können und über ein nahezu unbegrenztes Angebot an Streaming-Formaten verfügen. So gesehen müsste Pinker in einem zeitgenössischen Remake von SHOCKER Menschen durch ihr Mobiltelefon auf dem Klo attackieren.

 

Shocker - Bewertung

 


 

Zur Blu-Ray: Die Neuprüfung und gesenkte Freigabe ab 16 Jahren macht es möglich, dass nach einer alten, durchschnittlichen DVD-Erstauflage mit höherer Freigabe nun 2017 zunächst ein edles Mediabook auf Blu-ray erschien, dem StudioCanal nun auch die günstigere Amaray-Version folgen lässt. Ungeschnitten, gekleidet in schwarze Hülle und Wendecover, ideal passend zum dunklen Covermotiv.

Unter den Extras findet sich der wie immer informative Audiokommentar von Wes Craven selbst sowie sehenswerte Interviews mit den Darstellern Mitch Pileggi und Cami Cooper sowie Produzent Shep Gordon. Die Dokumentation „The Music of Shocker“ ist dem einmaligen Soundtrack gewidmet und lässt viele der damals beteiligten Musiker zu Wort kommen. Abgerundet wird das Paket mit einem kurzen „Storyboard vs. Film“-Vergleich und dem Trailer. Insgesamt kommen die Features, die von der US-Firma Shout! Factory produziert wurden, auf rund 70 Minuten Laufzeit. Von den Extras der US-Blu-ray fehlen leider ein zweiter Audiokommentar mit Kameramann, Komponist und Produzent sowie ein zeitgenössisches Making Of mit rd. 8 Minuten Laufzeit.

Sowohl in der technischen Qualität als auch beim Bonusmaterial stellt die neue Blu-ray von StudioCanal einen Quantensprung gegenüber der alten DVD-Erstauflage dar. Dass nicht alles Bonusmaterial von der US-Blu-ray übernommen wurde ist etwas schade aber das vorhandene Material ist hervorragend und ohnehin das Beste, das existiert.

 

Überall auf DVD und Blu-Ray erhältlich!

Blu-Ray-Cover und Bilder © Studiocanal.

 

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