KRITIK: SUSPIRIA (2018)

© Capelight Pictures
© Capelight Pictures

Autor: Khalil Boeller

Wenn Arthouse den Horror küsst!

Unter nicht wenigen Filmfreunden sind Remakes eine der Unsitten der derzeitigen Filmlandschaft – oftmals werden sie der Vorlage nicht gerecht, selbst wenn sie dieser inhaltlich sklavisch folgen. Deshalb gab es nicht wenig Stirnrunzeln als bekannt wurde, dass der Independent und Arthouse Regisseur Luca Guadagnino sich an einer Neuauflage von Dario Argentos „Suspiria“ aus dem Jahr 1977, einem Horrorfilm, der inzwischen nicht nur unter Freunden des Horrorfilms als Kultfilm gilt (zu denen auch der Autor dieser Zeilen gehört, so sehr sogar, dass ein altes Postermotiv als Tattoo verewigt wurde), versuchen wolle. Nach den ersten Trailern wurde aus dem Stirnrunzeln allerdings eher ein „hoppla. Das kann ja was werden“ und ob dies der Fall ist, wollen wir in unserem Review ergründen.

Zum Inhalt: Berlin, die geteilte Stadt im Jahr 1977. Die junge aus einer mennonitischen stammenden Familie Susie Bannion (Dakota Johnson) hat sich nach dem Tod ihrer Mutter von Ohio auf den weiten Weg nach Berlin gemacht um, ohne eine fundierte Vorausbildung als Tänzerin zu haben, einen Platz in der renommierten Marcos Dance Academy zu ergattern. Dort zieht Sie durch ihre eindrucksvolle Vorstellung die Aufmerksamkeit der Leiterin Madame Blanc (Tilda Swinton) auf sich und da durch das geheimnisvolle Verschwinden einer Schülerin ein Platz freigeworden ist, wird Sie auch aufgenommen. Susie lebt sich recht schnell in die Gemeinschaft der Tänzerinnen ein, muss jedoch bald feststellen, dass es wohl ein dunkles Geheimnis gibt, welches die Tanzschule umgibt. Parallel dazu versucht der Psychiater Dr. Josef Klemperer (Lutz Ebersdorf) die Hintergründe aufzuklären, weshalb eine seiner Patientinnen, welche ebenfalls Tänzerin an der Schule war und nach einem Besuch bei ihm, bei dem Sie völlig panisch und aufgelöst war, spurlos verschwunden ist und gerät ebenfalls in den Sog der Schule…

 

© Koch Films
© Koch Films

Um die Leistung des Regisseurs zu verstehen, sollte man auch einige Worte zum Original von Argento verlieren. Argentos „Suspiria“ war fast schon ein Horrormärchen, was vor allem durch die Kameratechniken sowie die sehr besondere Farbgebung, die heute noch seinesgleichen sucht, hervorgehoben wurde. Zwar spielt der Film offiziell in Freiburg, durch sein märchenhaftes Sujet könnte er allerdings an jedem beliebigen Ort spielen. Hinzu kommt noch der hervorragende Soundtrack der italienischen Progressivband „Goblin“, die den Film ebenfalls sehr geprägt hat. Was allerdings keine Stärke von Argento war, ist die Story an sich – so großartig die präsentierten Bilder auch sind, die Story hatte leider einige Lücken und war gelinde gesagt auch sehr dünn. Jedenfalls, wer sich mit einem Kenner über den Film unterhält, der wird immer wieder die tolle Bildkomposition und Farbgebung lobend erwähnen, während die eigentliche Handlung und Story eher zur Nebensache verkommt.

Luca Guadagnino geht in seinem Remake hier allerdings einen komplett anderen Weg. An Stelle der wuchtigen Farben des Originals herrscht bei Guadagnino bis auf wenige Ausnahmen eine Farbtristesse in Grau in Grau, welches allerdings wunderbar zu dem Setting in Berlin passt. Das Berlin Ende der 70er präsentiert sich hier als dreckig-graue Kulisse, welche der damaligen Zeit sehr nahekommt. Dazu kommt noch, dass durch Radio- und Fernsehmeldungen auch immer wieder ein Bezug zum damaligen Berlin bzw. Deutschland gezogen wird – Deutschland 1977, es war die Zeit, als die erste Generation der RAF in Stammheim gefangen war, der Generalstaatsanwalt Buback seinen Tod durch Terroristen der RAF fand, ein Flugzeug von der „Bewegung 2. Juni“ entführt wurde, um die Insassen in Stammheim freizupressen sowie der traurige Höhepunkt des sogenannten „Deutschen Herbsts“, die Entführung sowie Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer.

 

© Koch Films
© Koch Films

Luca Guadagnino schafft es durch viele kleinen Dinge, seien es die oben genannten Nachrichtenfetzen, Gespräche zwischen Protagonisten oder Kleinigkeiten wie Fahndungsplakate. Doch man wird dem Deutschland dieser Zeit nicht gerecht, wenn man vergisst, dass dies auch eine Zeit war, in der die Nachkriegsgeneration aufbegehrt hat, die neue Moderne ihren Einzug in Kunst fand, sowie dass es die Zeit einer neuen feministischen Revolte war. Der Regisseur schafft es, all dies in seinen Film einzubinden, so dass der Film sich in einem Szenario bewegt, indem dem Zuschauer zu jeder Zeit bewusst ist, in welcher Zeitepoche er sich befindet. Auch der Ort wirkt zu jeder Zeit glaubwürdig, die Schule befindet sich direkt an der Berliner Mauer, wenn sich Protagonisten wie der Psychiater durch Berlin bewegen, wird die Zerrissenheit der Stadt glaubhaft durch Grenzkontrollen etc. unterstrichen – schon dieses Ändern des Handlungsort sowie die Darstellung von diesem ist somit fast schon als Antithese zu Argentos Werk zu bezeichnen. Selbiges gilt auch für die Story – war für Argento das Hexenthema lediglich ein Aufhänger, welches zudem bestenfalls am Rande gestreift wird, geht Luca Guadagnino einen anderen Weg. Aufgeteilt in 6 Akte und einen Epilog erzählt der Regisseur die Geschichte deutlich komplexer als Argento in seinem Werk – nicht nur, dass es zwei parallele Handlungen gibt, die sich immer wieder kreuzen, auch wird zu Stilmitteln wie Rückblenden oder sehr surreale und verstörende Traumsequenzen gegriffen.

Schon bald merkt der Zuschauer, dass das Geheimnis, welches sich hinter der Schule verbirgt dieses ist, dass es sich bei allen Lehrerinnen um Mitglieder eines Hexenzirkels handelt, die eine der drei großen „Mütter“ verehren, Hexen, welche schon lange vor der christlichen Zeitrechnung lebten und sehr mächtig waren und es diesen Hexenzirkel auch schon sehr lange gibt – und er selbst die NS Zeit überstanden im Untergrund überstanden hat. Generell deutet der Film mehrfach an, dass die Tanzakademie während der NS Zeit ein Ort des Widerstandes war, und dieser Widerstand bis ins Jahr 1977 auch in Form der akademischen sowie ästhetischen Traditionen verankert ist.

 

© Koch Films
© Koch Films

Fast kann man sagen, dass der Zirkel, der ausnahmslos durch Frauen besetzt war, ein Antagonist zur maskulin geprägten NS Zeit war, doch schafft es Guadagnio aufzuzeigen, dass es zwischen beiden Machtsystemen, den maskulin geprägten Nationalsozialisten und dem Matriarchat der Hexen Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte gibt, dass beides Machtsysteme sind, bei welchem es um Macht erreichen geht, und diese Macht durch Rituale erreicht werden wollen und sich damit letzten Endes ähnlicher sind, als sie es zugeben würden. Waren es bei den Nazis beispielsweise das Aufmarschieren, Fackelzüge usw, die Dinge, die fast schon einen rituellen Charakter haben, ist es in dem Hexenzirkel vor allem das Tanzen, welches bis über den körperlichen Schmerz hinausgeht.

Guadagnino benützt damit in seinem Film das Okkulte nicht als Aufhänger, nein, er begegnet dem Hexenzirkel auf sehr intellektuelle Art und Weise und nimmt diese auch vollkommen ernst – eine Augenhöhe, die man bei Argentos Original überhaupt nicht findet und auch sonst selten in Filmen, die das Thema Hexenbewegung als Thema haben. Man kann zudem „Suspiria“ beinahe als feministischen Film bezeichnen, bzw. zieht Guadagnino historisch korrekt auch Parallelen zwischen Hexenzirkeln wie beispielsweise den Wicca, indem eine starke Weiblichkeit im Fokus stand und der aufkommenden Frauenbewegung Ende der 70er – nicht allerdings, ohne diese auch kritisch zu betrachten. Ein krasser Gegensatz zu der Darstellung der Frauen in Argentos Original, bei dem diese Parallele keine Rolle scheint gespielt zu haben.

 

© Koch Films
© Koch Films

Auch an anderer Stelle bricht das Remake nochmals deutlich mit dem Original – hat das Tanzen bei Argento keine Rolle gespielt, bei Guadagnino ist Tanz eines DER zentralen Themen im Film, was nochmal durch die mehr als beeindruckenden Tanzszenen unterstrichen wird, die sehr an die Arbeit von Pina Bausch und ihrem Tanztheater findet. Tanzszenen, die nicht nur in einer Szene über jede Schmerzgrenze hinausgehen, doch hier will man nicht zu viel verraten, nur so viel – nach der ersten halben Stunde, die relativ langsam die Szenerie aufbaut, haut einem der Film eine Tanzszene um die Ohren, die selbst einem eisenharten Gorehound den Atem stocken lässt und man sich kurz fragt, wie der Film eine FSK 16 Freigabe bekommen hat. Und bei dieser Szene soll es, ohne zu viel verraten zu wollen, auch nicht bleiben.

Lobend erwähnt sei auch das gesamte Schauspielessemble, das fast ausschließlich aus Frauen besteht und damit nochmal den feministischen Charakter des Films unterstreicht und welches es schafft, den Film 2 ½ Stunden ohne größere Längen zu tragen. Allen voran die von mir sehr verehrte Tilda Swinton in einer Doppelrolle mit doppeltem Boden, vielleicht mag der Leser selbst entdecken, was ich damit meine, ansonsten kann man dazu Einiges im Netz nachlesen, weswegen ich hier nicht genauer darauf eingehen möchte. Swinton spielt jedenfalls die Madame Blanche mit großer Bravour, eine Figur die zugleich Zerbrechlichkeit sowie Stärke ausstrahlt – Chapeau. Ebenso spielt der Schauspieler Lutz Ebersdorf die Rolle des Psychiaters Dr. Klemperer kongenial – ein Analytiker, der an Fakten glaubt und schon alles Übernatürliche als Hirngespinst abtaucht, die Figur schafft es zudem, durch sein persönliches Schicksal, die Zerrissenheit der Stadt, besser gesagt der Nachkriegswehen in Deutschland widerzuspiegeln. Doch auch die eigentliche Hauptdarstellerin Dakota Johnson, bekannt aus „50 Shades of Grey“ verdient ein großes Lob für ihre Darstellung der Susie, deren Charakter im Laufe der Zeit immer vielschichtiger wird.

 

© Koch Films
© Koch Films

Natürlich sei auch noch der Soundtrack erwähnt, der ebenfalls viel zu der Stimmung des Filmes beiträgt – zwar verbeugt sich der Soundtrack durch kleine Anspielungen am Soundtrack des Originals, doch bis auf wenige Ausnahmen schlägt die Musik, die der Kopf der Indie-Band Radiohead, Thom Yorke, deutlich leisere Töne an, passt aber wunderbar zu den Bildern des Films. Abschließend sei gesagt, man kann über das Remake viel reden und schreiben, über die vielen Metaphern, die der Film hat, die Bedeutung der Rollen, der Story, dass der Film auch sehr an einen anderen Film mit Berlin im Mittelpunkt, Zulawskis „Possession“ erinnert, ob es sich um einen feministischen Film handelt oder er den Feminismus sogar kritisiert, der Autor dieser Zeilen kann nur ans Herz legen, den Film anzuschauen und sich selbst ein Bild zu machen – und wer es schafft, sich aus dem Schatten des Originals zu lösen, den erwartet ein überraschend eigenständiges und sehr kopflastiges Werk, welches bis auf das Grundthema nichts mehr mit dem Original zu tun hat.

Wenn der Film Schwächen hat, dann vielleicht in der etwas langen Laufzeit von 2 ½ Stunden oder dass es etwas dauert, bis man in ihm drin ist – doch dann lässt der Film einen bis zum bitteren Ende, welches im Gegensatz zum Original wirklich ein absoluter Höhepunkt ist, nicht mehr los. Man merkt, dass dieser Film Guadagnino eine echte Herzensangelegenheit war und nicht der x-te Versuch, mit einer Neuauflage ein neues Publikum ins Kino zu locken oder etwas Fandienst für die Fanbase abliefern wollte, sondern einen Weg eingeschlagen hat, etwas Neuem aus einer alten Vorlage entstehen zu lassen, ohne sich nicht vor dieser zu verbeugen. Bleibt zu hoffen, dass der Film sein Publikum findet, egal ob beim Arthouse-Publikum oder den Kennern des Originals. Verdient hätte er es allemal.

 

Suspiria - Bewertung

Kinoplakat & Bilder © Capelight Pictures / Koch Films. All Rights Reserved.

 

447 total views, 2 views today