KRITIK: AUFBRUCH ZUM MOND

© Universal Pictures International Germany GmbH
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Autor: Michael Scharsig

Damien Chazelle – der junge Regisseur, dessen Name so klingt wie ein Billig-Parfum, darf mit Recht als einer der Visionäre seiner Zeit bezeichnet werden. Er machte Jazz salonfähig für die große Leinwand und zwar sowohl als Psychodrama als auch in knallbuntem Musicalcharakter. Die ersten Kritiken zu seinem neuesten Film „Aufbruch zum Mond“ („First Man“) überschlugen sich – was man von den Zuschauerzahlen bislang nicht behaupten kann. Und tatsächlich, sein Neil Armstrong Biopic ist zeitweise brillant, zeitweise eine bittere Enttäuschung.

Zum Inhalt: Ryan Gosling verkörpert Neil Armstrong, dessen Leben von waghalsigen Probeläufen und Trainings über diverse persönliche Schicksalsschläge bis hin zur vielleicht größten Errungenschaft der Menschheit dokumentiert wird. Während er den Tod seiner Tochter verarbeiten muss, wird er mehr oder weniger in den russisch-amerikanischen Wettstreit hineingezogen, da die Technik aller Fehlschläge zum Trotz große Fortschritte macht und es nur noch ein Ziel für alle Beteiligten gibt: den Mond.

 

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Häufig las ich zuvor, der Film sei atemberaubend. Und das ist nicht einmal gelogen. Vor allem in der Anfangssequenz drücken Sound und Bild einen förmlich in den Sessel. „Aufbruch zum Mond“ ist immer dann enorm stark, wenn die Piloten in den Maschinen sitzen. Es rattert, knarrt und knallt ohrenbetäubend von links und rechts. Die Warnsignale beißen sich durch die Nerven, während alles anfängt zu wackeln und zu erschüttern. Als wären das klaustrophobische Setting und der beängstigende Sound nicht schon genug, sieht der Zuschauer auch nur das, was die Piloten sehen: Tasten und Knöpfe und kurze Blicke aus einem einzigen kleinen Fenster. Die Erkenntnis, dem Chaos von Innen, der eigenen Technik, ausgeliefert zu sein verpasst dem Filme eine brutale Intensität.

Optisch und audiovisuell bekommt der Zuschauer hier definitiv die Champions League an Kinoqualität geboten. Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich rede hier nicht von Bombast und epischen Special Effekten. „Aufbruch zum Mond“ ist von 08/15-Blockbustern so weit entfernt, wie „Auslöschung“ von einem guten Drehbuch. Dem ganzen Terror, den die Flugsequenzen in sich tragen, steht eine Mondlandung gegenüber, die praktisch auf alles verzichtet, was Michael Bay nutzen würde. Plötzlich sind Ton und Lärm weg, komplett! Es wird still, Panoramaaufnahmen ersetzen das Kameragezappel. Für ein paar Momente, wird alles vergessen und die Faszination spürbar, die Armstrong erlebt haben muss. Also ja, auf technischer Ebene ist der Film atemberaubend. Übrigens auch, weil ich deshalb unmenschlich viel Popcorn ohne Pause konsumiert habe.

 

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Wie ich bereits erwähnte, ist das ganze Spektakel aber nun mal nur stellenweise brillant. Nur, weil das Drehbuch auf Ryan Gosling und seine zwei Gesichtszüge zugeschnitten wurde, schauspielert er hier noch lange nicht oscarreif. Hier eine Zitrone ins Auge gedrückt (Komm schon, Träne, fließ!), dort ein Glas zerspringen lassen – das ist für mich kein großes Schauspiel. Wenn ich noch einmal lese, dass der introvertierte Neil Armstrong von Gosling sehr „nuanciert“ gespielt wird, eskaliere ich. Gosling hat exakt einen großem Moment: Die Szene, in der Armstrong von seiner Ehefrau gezwungen wird, sich von seinen Kindern zu verabschieden. Das ist eindringlich! Im Rest des Film mimt er beinahe autistisch. Das hätten ein Tom Hardy oder ein Joel Edgerton definitiv emotionaler hinbekommen.

Hinzu gesellt sich ein Cast, der bis in die kleinste Figur zwar sorgfältig und passend ausgesucht wurde, aber an Oberflächlichkeit nicht zu überbieten ist. Im Prinzip spielt keiner von ihnen eine wirklich tragende Rolle – schade um Jason Clarke, Kyle Chandler, Ciarán Hinds, Corey Stoll, usw. usw. Shoutout an die Mädels! Denn „Unsane“-Queen Claire Foy spielt das gesamte Männerteam an die Wand. In jeder Szene! Allein in ihren Blicken spiegeln sich die Angst, die Wut, die Fragezeichen und all die psychologischen Seitenhiebe so realistisch, dass ihre Figur die Aufmerksamkeit sogar öfter auf sich zieht, als das vielleicht der Plan war. Hinzu kommt eine bärenstarke Szene in der Chazelle’s Ehefrau Olivia Hamilton (als trauernde Witwe Pat White) ein mentales Blackout mimt. Das war stark!

Nach gut zweieinhalb Stunden Abwechslung zwischen traumatischen Weltraumsequenzen und emotionslosen Charakterstudien bleibe ich ein wenig ratlos zurück. Mir gefällt vor allem die technische Herangehensweise, die bis ins Detail perfekt wirkt. Auf der anderen Seite störe ich mich doch sehr am gescheiterten Balance-Akt der Story die menschliche Komponente aufzudrücken. Der Besuch im Kino lohnt sich vor allem dann, wenn man viel Zeit hat und sich berauschen lassen möchte. Zudem verzichtet Chazelle hier fast komplett auf amerikanischen Pathos, was ich ihm hoch anrechne.

 

Aufbruch zum Mond - Bewertung

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