KRITIK: THE ENDLESS (BLU-RAY)

© 2018 Meteor Film GmbH
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Autor: Dominik Starck

Mit THE ENDLESS legen die beiden Independent-Film-Shootingstars Justin Benson und Aaron Moorhead ihren dritten Spielfilm vor, der einmal mehr die Grenzen der Genres sprengt. Dieser unbesorgt zwischen Science-Fiction, Kult-Drama und fantasievollem Horror tanzende Trip ist nach RESOLUTION und SPRING der unnötige aber finale Beweis dafür, dass diese Kreativen alles sind, aber nicht gewöhnlich.

Zum Inhalt: Zehn Jahre nachdem die Brüder Aaron (Aaron Moorhead) und Justin (Justin Benson) einem UFO-Todeskult entkommen sind erhalten sie ein Videoband, das zu beweisen scheint, dass sich die Sektenmitglieder scheinbar doch nicht in der Wüste selbst umgebracht haben. Von ihrem freien Leben frustriert überredet Aaron seinen älteren Bruder Justin dazu, für einen Tag und eine Nacht in den isolierten Kult zurückzukehren, in dem sie einst aufwuchsen. Tatsächlich finden sie ihre Ersatzfamilie bei bester Gesundheit und keinen Tag gealtert vor. In der Einsamkeit der Steppe häufen sich bizarre Ereignisse und bald lässt sich nicht mehr leugnen, dass Etwas dort draußen lauert, das wesentlich unheimlicher als ein UFO ist…

 

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FILM OF THE RISING SUN: SUPERBE KÜNSTLERISCHE VISIONEN

Eines muss man gleich eingangs attestieren; THE ENDLESS ist mit Sicherheit kein Film für jedermann oder die breite Maße. Zu sehr gibt er sich philosophischen Gedankenspielen hin, zu sehr ist er nicht um Effekthascherei bemüht, zu sehr überlässt er dem Zuschauer das Denken. Als Genre kategorisiert man den Independent-Film gerne als Horror und doch fehlen die heute fast unumgänglichen „Jump Scares“ oder blutige Einlagen. Vielleicht passt er aufgrund seiner Thesen eher in die Science Fiction, doch wer die Zukunft oder Aliens erwartet, der könnte enttäuscht sein. Es ist ein ruhiger Mystery-Film, ein sich langsam aufbauender „slow burn“, wie man es heute gerne nennt. Eine Reise, die mit zwei offensichtlich in ihrem Leben nicht ganz klarkommenden Brüdern beginnt, ein Road Movie zurück in den Kult, dem sie einst entkam. Oder ist es doch nur eine Kommune, in der sie noch immer ein echtes Zuhause haben könnten? Und was ist dort draußen im Wald und lauert? Ist dort überhaupt etwas oder verschwimmen Wahn und Wirklichkeit zunehmend miteinander?

So gesehen gehört THE ENDLESS mehr in die Arthouse-Sektion des unbehaglichen Filmes, ein Horror für Rätsel liebendes Publikum. Kein Wunder schnitt das Werk, das Vorbildern wie David Lynch (TWIN PEAKS) und H. P. Lovecraft verpflichtet scheint, bei Genre-Festivals rund um den Globus hervorragend ab und wurde auch von Kritikern euphorisch gefeiert. All das überrascht aber wenig, wenn man mit dem noch übersichtlichen Schaffen der beiden Filmemacher vertraut ist.

 

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Aaron Moorhead und Justin Benson arbeiten bereits zum dritten Mal gemeinsam an einem Spielfilm, bei dem sie Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt und visuelle Effekte mal eben selbst abdecken. Dieses Mal haben sie direkt noch die beiden Hauptrollen übernommen und doch es ist, anders als es die identischen Vornamen und manche Ereignisse implizieren, kein autobiografisch verschnittenes Werk. Schon mit ihrem selbstfinanzierten Debüt RESOLUTION haben die Beiden einen Film abgeliefert, der sich beharrlich einer Klassifizierung entzieht, der unzählige Thesen für die Ereignisse in den Raum stellt, denen sich die Protagonisten ausgesetzt sahen, und im Endeffekt eine klare Antwort verweigerte. In genau dieses Universum kehrt THE ENDLESS nach der Monster-Romanze SPRING wieder zurück und doch ist THE ENDLESS keine direkte Fortsetzung von RESOLUTION. Das Wissen um die Ereignisse des Erstlings erhöht den Genuss von THE ENDLESS zwar, doch funktioniert der Film autark nicht weniger gut.

 

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Man könnte über THE ENDLESS ganze Essays und Analysen schreiben, doch je weniger man über den Film weiß, umso besser. Er ist eine Erfahrung, ein Erlebnis, das man eine Weile mit sich trägt, nachdem der Abspann gelaufen ist. Obwohl mit Antworten auf die vielen aufgeworfenen Fragen nicht gegeizt wird, bleibt Raum zur Spekulation ohne das Gefühl, der Film wisse nicht, wie die Antwort lautet. Er weiß es sehr wohl, sieht aber keine Notwendigkeit, sie dem Zuschauer auf dem Silbertablett zu präsentieren. Und genau das ist jene selten gewordene Art von interpretativem Film, die damit umso willkommener ist. Eine klare, künstlerische Vision von großer Kraft und einer Komplexität, die dem Zuschauer Aufmerksamkeit abverlangt. Ein Film, den man einfach konsumieren kann und der doch dazu einlädt, gedanklich in seiner Welt zu verharren und sich mit ihr zu beschäftigen. Dabei ist THE ENDLESS zugleich der Beweis dafür, dass es nicht immer die großen Kinospektakel braucht, sondern dass es eine gute Geschichte ist, was den Zuschauer zwei Stunden auf der Kante seines Sofas sitzen lässt. Eine audiovisuelle Poesie, zugleich unbehaglich, intensiv und schön.

 

The Endless - Bewertung

 


 

Zur Blu-Ray: Die limitierte FuturePak-Edition verliert das FSK-Logo durch Entfernen der Papp-Banderole und macht sich optisch hübsch im Regal. Auf der Blu-ray-Disc mit dem Film finden sich deutscher und englischer Trailer zu THE ENDLESS sowie eine Trailershow des Anbieters. Herzstück der Sonderausstattung ist aber der wie immer sehr informative Audiokommentar der beiden Filmemacher Benson und Moorhead. Dieses Bonusmaterial findet sich auch auf den regulären Veröffentlichungen auf Blu-ray und DVD.

Die Limited Edition hat darüber hinaus aber noch lohnendes weiteres Material zu bieten, angefangen mit einem 12-seitigen Booklet mit einem Essay von Thorsten Hanisch über das bisherige Schaffen von Benson und Moorhead. Auf der Bonus-Disc (DVD) bekommt der geneigte Fan noch einmal über zwei Stunden weiteres Bonusmaterial geboten, das von informativ bis kurios-witzig das ganze Spektrum abdeckt. Neben einigen Deleted Scenes und amüsanten Casting-Clips gibt es mehrere kurze Hinter-den-Kulissen-Clips, Bildergalerien und vor allem eine ganze Reihe an Interviews mit Stab und Besetzung. Alleine das Herzstück, ein rund dreiviertelstündiges, angenehm ungeschminktes Interview mit Benson und Moorhead, deckt bereits den kompletten Entstehungsprozess des Filmes von der Konzeptionierung bis zur Premiere ab und wurde von den Beiden in der französischen Schweiz während dem NIFF-Festival aufgezeichnet. Eine rundum gelungene Präsentation, die in Sachen Ausstattung weit über einen gewöhnlichen Independent-Film hinausgeht (und wenn man sich die klägliche Ausstattung mancher Studio-Filme ansieht, auch über diese hinaus).

 

Blu-Ray-Cover und Bilder © Meteor Film. All Rights Reserved.

 

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