KRITIK: JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER

© Warner Bros. Entertainment
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Autor: Florian Wurfbaum

Michael Ende‘s Bestseller JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER von 1960 gehört zu den erfolgreichsten und beliebtesten Kinderbüchern im deutschsprachigen Raum und verkaufte sich allein in Deutschland ca.  5 Millionen mal. So gehört der mehrfach ausgezeichnete Literatur-Klassiker auch zu den wenigen ganz großen deutschsprachigen Kinderbüchern die noch nicht für die große Leinwand verfilmt wurden.  Da die zeitlose Geschichte über Freundschaft, Loyalität und Mut ein unglaubliches Potenzial offenbart und  mittlerweile auch die tricktechnischen Möglichkeiten vorhanden sind, haben es sich Deutschlands-Erfolgsproduzent Christian Becker (FACK JU GÖHTE) und Star-Regisseur Dennis Gansel (DIE WELLE) zur Aufgabe gemacht, den Buch-Klassiker endlich als Real-Verfilmung fürs Kino zu adaptieren.

Doch so reizvoll eine Umsetzung des Fantasy-Abenteuers ist, so risikoreich ist sie auch. Denn eine Romanverfilmung muss sich immer an seiner Buchvorlage messen lassen und diese ist hierzulande völlig zurecht Kult – was die Messlatte zusätzlich nach oben setzt. Zumal sich die legendäre Buchumsetzung der Augsburger Puppenkiste aus den 60er Jahren  in den Köpfen der Deutschen manifestiert hat, so dass die Macher im Vorfeld einen recht hohen Erwartungsdruck verspürten. Dabei sorgten neben der richtigen Besetzung, vor allem die visuellen Effekte um Frau Malzahn und ihren fliegenden Artgenossen, für das meiste Kopfzerbrechen bei den Verantwortlichen. Allerdings schaffte es Produzent Christian Becker (Rat Pack Filmproduktion) gemeinsam mit der Hamburger Warner Bros. (nach unglaublichen 15 Jahren der Vorbereitung) ein für hiesige Verhältnisse unfassbar hohes Budget aufzutreiben. So konnte Regisseur Dennis Gansel mit einem Budget von 25 Millionen Euro finanziell gesehen aus dem vollen Schöpfen und hatte somit im Vorfeld ideale Voraussetzungen für eine adäquate Umsetzung des Kult-Stoffes.

 

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Zum Inhalt: Jim Knopf (Solomon Gordon), sein Freund Lukas (Henning Baum) der Lokomotivführer und die Dampflok Emma ziehen von der kleinen Insel Lummerland hinaus in die Welt. Ihre Reise führt sie in das Reich des Kaisers von Mandala und auf die abenteuerliche Suche nach seiner entführten Tochter Li Si. Gemeinsam wagen sich die drei in die Stadt der Drachen, um die Prinzessin zu befreien und das geheimnisvolle Rätsel von Jims Herkunft zu lösen.

Um es gleich vorweg zu nehmen, allen Widerständen zum trotz hat es Dennis Gansel tatsächlich geschafft JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER absolut würdig auf die Leinwand zu zaubern. Mit höchstem Aufwand und viel Liebe zum Detail inszenierte der hochtalentierte deutsche Filmemacher den Besteller als großes Fantasy-Kinoabenteuer für alle Generationen. Dabei bewegt sich die in Australien, Südafrika und Deutschland entstandene Produktion nah an der Buchvorlage, was die zahlreichen Fans von Michael Ende´s Klassiker mehr als zufriedenstellen sollte. Vielleicht wirkt das Abenteuer an der einen oder anderen Stelle ein wenig zu gehetzt – so wird beispielsweise der Tausend Wunder Wald nur mit einem kurzen Shot abgehandelt, aber dafür ist der Film eben auch sehr rasant und unterhaltsam in Szene gesetzt. So weist das Fantasy-Märchen auch keinerlei Längen auf und die 110 Minuten vergehen wie im Flug.

 

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Auch visuell schafft es die 25 Millionen Euro Produktion restlos zu überzeugen und wischt damit die Zweifel hinsichtlich der Frage, ob deutsche Filme Effekt-technisch mit Hollywood-Produktionen mithalten können, eindrucksvoll weg. Denn JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER kann nicht nur spielend Hollywood-Standards stand halten, sondern stellt sogar viele Konkurrenten aus Übersee in den Schatten. So kreiieren Gansel und seine Effekt-Teams traumhaft schöne und herrlich farbenfrohe Fantasie-Welten voller Atmosphäre und Charme, die Lummerland, Mandala und Drachenstadt ungemein stimmungsvoll zum leben erwecken. Noch beeindruckender gelungen sind die erschaffenen Fabelwesen. Insbesondere die boshafte Drachenlehrerin Frau Malzahn ist überaus imposant und braucht sich in keinster Weise vor Smaug aus DER HOBBIT-Reihe oder anderen Hollywood-Drachen verstecken. Optisch sieht man dem Film einfach jeden Euro an und stellenweise wirkt das Ganze sogar noch teurer. Hier hat Dennis Gansel alles aus dem Budget rausgeholt.

Ein weiterer großer Pluspunkt ist das nahezu perfekte Casting. Bis in die kleinste Nebenrolle haben die Macher die passenden Darsteller für die großteils in die deutsche Popkultur eingegangenen Figuren besetzt. Dabei befinden sich so namhafte deutsche Schauspielgrössen wie Uwe Ochsenknecht als Lummerlands König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, Milan Peschel als Scheinriese TurTur, Christoph Maria Herbst als der treue Untertan Herr Ärmel und Annette Frier als Frau Waas auf der Besetzungsliste. Diese machen ihre Sache trotz der begrenzten Screentime durch die Bank weg gut. Die Stars sind natürlich Solomon Gordon als Jim Knopf und Henning Baum als Lukas der Lokomotivführer. Die große Bühne wird von Beiden auch genutzt, denn das Duo ist ein großartig harmonierendes und vor Chemie sprühendes Gespann, dass neben den visuellen Effekten das größte Pfund der Romanverfilmung ist. Vor allem Henning Baum weiß zu gefallen und überzeugt sowohl schauspielerisch, als auch physisch als Lukas der Lokomotivführer. Der charismatische Hüne erinnert dabei in seiner Rolle an den italienischen Dampfhammer Bud Spencer – was sich auch in einer toll in Szene gesetzten Klopperei zeigt.

 

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Zudem entert noch Rick Kavanian als DIE WILDE 13 mit einem famosen Kurzauftritt die Leinwand und sorgt für einen immens stimmungsvollen Einstieg. Zwar hätte man aus diesem Grund auch gerne etwas mehr von den mit Kinder handelnden Seeräubern gesehen, aber da wir von dem Hit-Potenzial des Filmes überzeugt sind, werden wir DIE WILDE 13 ja voraussichtlich in der Fortsetzung wieder sehen.

Einzig der ein oder andere etwas zu hyperaktive Charakter und die Nachsynchronisation einiger Figuren ist ein wenig störend, aber das ist meckern auf sehr hohen Niveau. Denn insgesamt ist JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER rundum gelungen und somit auch einer der wichtigsten deutschen Filme der letzten 10 Jahre. Praktisch DIE UNENDLICHE GESCHICHTE der Jetztzeit. Seit dem tragischen und viel zu frühen Tod von der deutschen Produktions-Legende Bernd Eichinger wagte kein hiesiges Filmprojekt so einen Aufwand und so ein Risiko. Allein dies sollte eigentlich schon belohnt werden, zumal es sich auch noch um einen Genre-Stoff handelt. Hiermit hat sich Produzent Christian Becker auch endgültig zum legitimen Nachfolger von Mastermind Bernd Eichinger gemausert und ich freue mich jetzt schon auf seine kommenden Projekte. Also, unbedingt reingehen und verzaubern lassen, denn am Ende schunkelt man mit einer Neuinterpretation des Musik-Klassikers „Eine Insel mit zwei Bergen“ in den Ohren gut gelaunt aus dem Kino und hofft auf ein baldiges Wiedersehen in Lummerland.

 

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer - Bewertung

Filmplakat und Bilder © 2018 Warner Bros. Entertainment.

 

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