KRITIK – DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (MARIO BAVA-COLLECTION)

© Koch Films
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Autor: Khalil Boeller

Wer wie der Autor ein Kind der Siebziger Jahre ist, erinnert sich vielleicht noch an die ZDF Reihe „Der phantastische Film“, die ab Anfang der 70er bis Anfang der 90er ausgestrahlt wurde. Meist zu später Stunde wurden dort Freitag Abends Filme rund um das phantastische Filmgenre ausgestrahlt und neben Klassikern wie „Dracula“, „Tanz der Vampire“ oder „King Kong und die weisse Frau“ gab es dort auch so Obskures wie „Der Autovampir“ zu sehen. Auch so manche unbekannte Perle, deren filmische Bedeutung erst mit den Jahren kam, hatte die Reihe parat – zu denen auch Mario Bavas „Die Stunde wenn Dracula kommt“ gehört.

Ein Film, den der Autor in jungen Jahren gesehen hat & der ihm bis heute auch in bleibender Erinnerung geblieben ist. Lange Zeit war die DVD – weil vergriffen – nur zu Mondpreisen zu bekommen, Dank Koch Medias Engagements ist dies allerdings nun Geschichte, denn mit der Neuauflage als BluRay Box in der Mario Bava Collection Reihe liegt nun eine Fassung vor, bei der kaum Wünsche offen bleiben.

Zum Inhalt: Wir schreiben das Jahr 1630 – die junge Adelige Asa, gespielt von Barbara Steele, und ihr Geliebter werden von einem Inquistionsgericht der Hexerei beschuldigt, der auch ihr Bruder angehört. Bevor das Urteil vollstreckt wird und ihr eine Dornenmaske aufs Gesicht geschlagen wird, verflucht Sie ihren Bruder und all seine Nachkommen. Und aufgrund eines plötzlich (sic!) einsetzenden Unwetters wird Sie nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sondern in einer Gruft beerdigt. Knapp 200 Jahre später stolpert Professor Krubajan und sein Assistent über eben diese Gruft und nachdem sich der Professor in der Gruft verletzt hat und sein Blut aus Asa tropft, nimmt das Unheil seinen Lauf… Nachdem der Professor samt Assistenten die Gruft verlassen, stolpern Sie über Katja, der Tochter des Fürsten Vaida – ebenfalls gespielt von Barbara Steele -, die eine direkte Nachkommin von Asas Bruder ist. Asa, durch das Blut von dem Professor zum Leben erweckt, ruft Selbigen durch ihre dunklen Kräfte in die Gruft, um ihn dort in einen Vampir zu verwandeln, der letzten Endes unter dem Befehl von Asa stehend, den Fürsten tötet. Und dann wäre da noch der Geliebte von Asa Javutich, der ebenfalls von den Toten wiedererweckt wurde und seinen Teil zum Unheil beitragen wird…

 

© Koch Films
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Untote! Hexen! Vampire! – „Und was ist jetzt mit Dracula“ höre ich den geneigten Leser zwischenrufen. Nun, dieser kommt im ganzen Film nie vor, bzw. wird sein Name lediglich in der deutschen Synchronisation 2x erwähnt – der deutsche Verleih hatte sich aus Vermarktungsgründen, da die englischen Hammerproduktionen wie „Dracula“ zu dieser Zeit recht erfolgreich in den Kinos liefen, entschlossen, den Namen ins Spiel zu bringen und hat dabei den eigentlichen internationalen Titel „Black Sunday“ ignoriert. Was aber letzten Endes nichts daran ändert, dass der Film wohl zu den wichtigsten italienischen Horrorfilmen bzw. „gothic Horror“ Streifen gehört und zwei Beteiligten zu ihrem Durchbruch verhalf – da wäre auf der einen Seite das Fotomodell Barbara Steele in der Doppelrolle Asa/Katja, die die Rolle mit Bravour gestemmt hat und fortan in diversen Horrorstreifen zu sehen war – von Poe Verfilmungen angefangen bis hin zu amerikanischen Produktionen bis Ende der Siebziger. Ironischerweise stand Steele dem Horrorgenre stets kritisch gegenüber & hat es immerhin auch in „seriöse“ Produktionen wie Fellinis „8 ½“ oder „La dolce vita“ geschafft – dennoch ist und bleibt Sie eine der ganz grossen Damen des Horrorkinos.

Auf der anderen Seite war „Die Stunde wenn Dracula kommt“ der Durchbruch für den Regisseur Mario Bava, dessen Schaffen lange Zeit von der Kritik eher belächelt wurde (zu seinen Filmen gehören auch Titel wie „Vampire gegen Herakles“), inzwischen aber auch von der seriösen Filmwissenschaft gewürdigt wird und der diverse Regisseure wie John Carpenter, Tim Burton oder Dario Argento maßgeblich beeinflusst hat.

Bava, der seine Wurzeln in der Bildhauerei und Malerei hat, hat mit „Die Stunde wenn Dracula kommt“ sein Meisterstück abgeliefert – auch wenn der Regisseur danach noch viel im Horror und Giallo Genre gedreht hat, keiner seiner folgenden Filme hat die Genialität von besagtem Film erreicht. Das liegt weniger an der Story, die man eher als sehr dünn bezeichnen kann, auch wenn sie in Zügen sich an die Erzählung „Vij“ von Gogol anlehnt, sondern vor allem an der Stimmung, die Bava mit sehr beeindruckenden Schwarzweißbildern einfängt und teils sehr ungewöhnlichen Kamera– Gewitterstürme, Schattenspiele, das Mimenspiel der Darsteller, all das trägt den Film in seiner Gesamtheit.

 

© Koch Films
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Bava hat sich sehr an der Ästhetik des expressionistischen Stummfilms orientiert und hat sich damit auch sehr von dem damaligen italienischen Kino entfernt, was zu dieser Zeit eher vom italienischen Neorealismus geprägt war. Dazu kamen für die Zeit noch einige recht explizite Szenen, die für die damalige Zeit sehr brutal waren und die dafür gesorgt haben, dass der Film in diversen Ländern nur geschnitten zu sehen war, bzw. teils auch verboten war – unter anderem auch in England!

Den Film kann man jedenfalls getrost als Initialzündung bezeichnen, was das italienische Horrorkino betrifft, nicht wenige Elemente, die Bava das erste Mal in „Die Stunde wenn Dracula kommt“ wurden von diversen Regisseuren übernommen., was vor allem auch auf die Filme zutraf, die sich der sogenannten „Gothic Novel“ annahmen. Aber auch die Verknüpfung von Sexualität und Gewalt war beim italienischen Horrorfilm nicht mehr wegzudenken, was mit der Zeit in Art und Weise der Darstellung natürlich immer expliziter wurde, sehr zum Ärger der hiesigen Jugendschützer. Doch man tut Bava Unrecht, wenn man den Film darauf reduzieren würde – zu sehr ist ein künstlerischer Aspekt in ihm zu finden, teils wirkt der Film wie ein Gemälde aus der schwarzen Gothik, Chapeau, wenn man dazu bedenkt, dass die Produktionskosten sehr niedrig waren.

Bleibt die Frage, wie KochMedia dem Film mit der BluRay Box gerecht wurde, zumal die EMS DVD Fassung schon ein echtes Schmankerl war – aber auch hier liefert Kochmedia wie gewohnt ein echtes Meisterstück ab. In einem sehr schönen Digipack verpackt bekommt man eine Bluray , dazu noch 2 DVDs sowie ein 17 seitiges Booklet über mit jeder Menge Hintergrundmaterial. Auf der Bluray ist nicht nur die internationale Fassung enthalten, sondern auch eine Fassung, die speziell für den US Markt produziert war, mit einer anderen Laufzeit sowie einer komplett anderen Musik. Zudem ist ein Audiokommentar des Filmhistorikers Tim Lucas enthalten, leider jedoch in englisch ohne Untertitel. Auf der 1. DVD findet man nochmal die internationale Fassung, auf DVD 2, welche als Bonus tituliert ist, findet dann die US Fassung. Dazu kommen noch jede Menge Extras, entfallene Szenen, die einzige Szene, die in Deutschland geschnitten wurde, Bildmaterial, diverse Trailer sowie Featurettes, u.a. ein halbstündiges Interview mit Barbara Steel., und, und, und… Auch wenn die fehlenden Untertitel schade sind, die Hülle und Fülle an Extras sticht das wieder aus. Auch über Ton und Bild gibt es wenig zu meckern – an Bord ist der deutsche Ton, sowie der italienische und englische, abgemischt in 2.0 Mono, aber in sehr guter Qualität. Das Bild wurde liebevoll abgetastet, bis auf ganz wenige Staubfehler, die dem Alter zuzurechnen sind, kann man daran nichts aussetzen. Jedenfalls, so sollte die Veröffentlichung eines Klassikers aussehen.

 

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Die erste Ausgabe der Mario Bava-Colletion ist seit dem 18. August 2016 erhältlich!

DVD-Cover & Bilder © und Eigentum von Koch Media GmbH. All Rights Reserved.

 

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