KRITIK – DAS JERICO PROJEKT

© Splendid Film/WVG
© Splendid Film/WVG

Autor: Dominik Starck

Kevin Costner war vor allem in den 1990er Jahren ein Superstar, der praktisch einen Hit nach dem anderen drehte, wofür er u.a. mit zwei Oscars ausgezeichnet wurde. Sein neuster Film DAS JERICO PROJEKT schaffte es 2016 nach bescheidenem US-Einspielergebnis in Deutschland erst gar nicht in die Kinos sondern erschien direkt im Heimkino. Dabei erhält Costner noch prominente Unterstützung von Gary Oldman und Oscar-Gewinner Tommy Lee Jones, Ryan Reynolds alias „Deadpool“ und „Wonder Woman“ Gal Gadot. Dominik Starck hat sich den Actionthriller für den Entertainment Blog genauer angesehen.

Inhalt:

CIA-Agent Bill Pope (Ryan Reynolds) ist im Undercover-Einsatz in London unterwegs, fliegt aber auf und wird von seinen Verfolgern schließlich gestellt. Anarchist Heimdahl (Jordi Mollà) tötet Pope, der den gehakten Zugang zu Atomwaffen sicherstellen wollte. Popes Chef Quaker Wells (Gary Oldman) ist bereit, extreme Mittel zu ergreifen, um an Popes Wissen über den Haker zu kommen. Man engagiert Wissenschaftler Dr. Franks (Tommy Lee Jones), der Popes Erinnerungen auf ein geeignetes lebendes Gehirn übertragen soll. Franks‘ Wahl fällt auf den inhaftierten Mörder Jerico Stewart (Kevin Costner), der über keine eigenen Gefühle oder ein Rechtsempfinden verfügt. Zunächst sieht das gewagte Experiment nach einem Fehlschlag aus, doch dann flammen Popes Erinnerungen und Gefühle in Jerico auf. Jerico entzieht sich jedoch dem Zugriff des Geheimdienstes, um von Pope verstecktes Geld zu finden. Jerico wird zum Gejagten von CIA, Heimdahls Häschern aber auch den Gefühlen, die Pope für seine Frau (Gal Gadot) und Tochter hatte…

 

3333333
© Splendid Film/WVG

Meinung:

Das Drehbuch zu CRIMINAL, wie der Film im Original heißt, kursierte unter dem Namen „Blank Slate“ mit einer weiblichen Protagonistin bereits eine Weile in Hollywood, ehe es von den Autoren David Weisberg und Douglas Cook neu überarbeitet wieder angeboten und schließlich doch verkauft wurde. Mit dem modernen Actionfilm-Klassiker THE ROCK haben die beiden Autoren bereits einen gewichtigen Eintrag in ihrer Vita, was allerdings auch nicht darüber hinweg hilft, dass man bei der Prämisse von CRIMINAL ordentlich schlucken muss. Wissenschaftler überträgt im Auftrag des CIA die Erinnerungen und Gefühle eines im Einsatz getöteten Agenten auf einen verurteilen Mörder, der damit zum Schlüssel um die Jagd nach Atomwaffen-Steuercodes wird. Das muss man erst einmal verdauen, zumal der Film das klinisch unerprobte Verfahren mit geradezu wissenschaftlichem Ernst zelebriert.

Nun gäbe es keine Geschichte, wenn das Experiment nicht von Erfolg gekrönt wäre und immerhin ergibt sich aus diesem (derzeit noch) der Science Fiction entstammenden Element die Möglichkeit, dem inneren Kampf eines Menschen beizuwohnen, dessen eigene, dunkle Natur in Konflikt mit einer aufgezwungenen positiven Weltsicht gerät. Ein Hauch von Frankenstein-Feeling schwingt mit, auch wenn der zusammen gesetzte Mensch hier auf die mentale Ebene verlagert wird.

Bei dieser Prämisse verwundert es nicht, dass Kevin Costner die Rolle zunächst dankend abgelehnt hat. Seine Überlegung, wieso er sich mit 60 Jahren noch auf einen so gewaltbereiten Rollentypus einlassen sollte, ist nachvollziehbar, doch letztlich kann man froh sein, dass er es getan hat. Zwar war Costner bereits das stärkste Element des durchschnittlichen Actionthrillers 3 DAYS TO KILL von 2014, doch in CRIMINAL ist er nicht nur hart sondern düster wie er es sonst wohl nur in MR. BROOKS (2007) war. Eine willkommene Abwechslung für Fans des charismatischen Schauspielers, Filmemachers und Musikers.

Regisseur Ariel Vromen (THE ICEMAN) gelang es, neben Costner eine ganze Reihe namhafter Darsteller für seinen Thriller zu gewinnen. Ryan Reynolds kam jüngst durch DEADPOOL in ganz neue Star-Sphären, Tommy Lee Jones (NO COUNTRY FOR OLD MEN) und Gary Oldman (DARK KNIGHT-Saga) sind Schauspiel-Urgesteine und Gal Gadot drehte hier ihren ersten englischsprachigen Spielfilm und wurde direkt danach zu „Wonder Woman“ für BATMAN V SUPERMAN.

 

splemdit-2
© Splendid Film/WVG

Die Besetzung weiß auch durchaus zu gefallen und ist teilweise auffällig gegen den Typ besetzt, was man bei einem auffällig sanften Tommy Lee Jones noch verzeiht. Wenn man aber ein CIA-Team mit Alice Eve (STAR TREK INTO DARKNESS), Amaury Nolasco (PRISON BREAK) und Scott Adkins (UNDISPUTED, HARD TARGET 2) besetzt, dann erwartet man von diesen Figuren auch etwas Besonderes- sie bleiben hier aber austauschbare Stichwortgeber.

Gedreht wurde in London, das in letzter Zeit eine geradezu magische Anziehungskraft auf amerikanische Actionthriller-Produktionen mit mittlerem Budget ausübt. Die Kulissen der Stadt wurden gut genutzt und überhaupt ist der Film gut gefilmt, inszeniert und von Brian Tyler und Keith Power auch passend musikalisch untermalt. Die Action ist gut dosiert und umgesetzt und der Film traut sich an einigen Stellen mal eine Minute länger zu laufen, als es notwendig wäre. Dabei wirkt er allerdings nie langatmig und vor allem das Spiel Costners und seine Szenen mit Gadot wissen zu gefallen.

All diese positiven Elemente ändern natürlich nichts daran, dass die Prämisse des Films für einen Thriller, der sich sonst ernst und realistisch gibt, weit her geholt ist. So handwerklich gut CRIMINAL beziehungsweise DAS JERICO PROJEKT von Vromen auch realisiert wurde, so sehr bedient sich die Geheimdienst-Geschichte doch bereits zahlreich verwendeten Genre-Klischees. Alleine, dass schon wieder einmal jemand die Kontrolle über die Abschusssysteme von Atomwaffen übernehmen möchte, ist ein allzu oft genutzter Aufhänger.

Aber ist das der Grund für die teilweise verhaltene Kritiker-Rezeption des Films und das nur moderate Einspielergebnis in den US-Kinos, wo der Film zum 8.-schlechtesten größeren Kinostart in Costners Karriere wurde? Ist CRIMINAL der Beweis, dass ein Film mit einem mittleren Budget einfach nicht mehr gegen die Mega-Blockbuster an den Kinos bestehen kann, weil apokalyptische Szenarien und Millionen-schwere Werbekampagnen fehlen?

Vielleicht war es etwas von allem gepaart mit Pech, denn abseits seiner Prämisse und den möglicherweise zu prominent besetzten Nebenrollen ist CRIMINAL nicht nur der stärkste Kevin-Costner-Film seit langem, sondern auch ein mehr als nur solider Spionage-Thriller mit Sci-Fi-Elementen und Gefühl, der sich nicht verstecken braucht.

 

splendid-ri
© Splendid Film/WVG

Die deutsche Blu-ray aus dem Hause Splendid erscheint in drei verschiedenen Ausfertigungen. Neben der Standard-Amaray-Verpackung gibt es ein edles Mediabook mit Blu-ray und DVD sowie ein Steelbook mit schickem Popart-Cover. Bild- und Tonqualität der Blu-ray sind makellos und auch das Bonusmaterial kann sich sehen lassen. 40 Min. „Director’s Notes“ sind eine Art szenenspezifischer Audiokommentar von Ariel Vromen, es gibt ca. 4 Min. geschnittene Szenen, ein Musikvideo (ebenfalls 4 Min.), eine Trailershow mit acht Titeln und als Sahnehäubchen ein 40 Min. langes Making Of, welches zwar primär aus Interviews mit den Beteiligten besteht, aber erfreulicherweise weit über die üblichen PR-Aussagen zum Start eines aktuellen Filmes hinaus geht. Eine rundum gelungene Veröffentlichung eines guten Films.

 

14813651_1813491355540819_2021819071_n

Ab dem 30. September 2016 auf Blu-ray™, DVD und VOD erhältlich!
DVD-Cover & Bilder © Splendid Film /WVG. Alle Rechte vorbehalten.

 

1,302 total views, 1 views today