KRITIK – DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL (MEDIABOOK)

© Koch Media GmbH
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Autor: Khalil Boeller

Deutsche Kriminalfilme sind nicht erst seit „Derrick“, „Der Alte“ und natürlich „Tatort“ ein deutsches Phänomen, schon früh wurde von Rialto mit den Edgar Wallace Verfilmungen der Grundstein für dieses Phänomen gelegt. Edgar Wallace, der übrigens auch das Drehbuch zu „King Kong und die weiße Frau“ geschrieben hat, war zwar auch schon zu Lebzeiten mit seinen Krimis sehr erfolgreich, allerdings hat er in der englischen Literatur nie dieselbe Anerkennung für sein Schaffen erfahren wie das bei einem Sir Arthur Conan Doyle oder einer Agatha Christie der Fall war – dennoch wurden seine Romane, die zugegeben etwas sehr „pulplastig“ waren, in über 40 Sprachen übersetzt.

Auch wurden in England sowie den USA schon in den 20ern die ersten Romane von Wallace als Film umgesetzt, doch der richtig große Boom brach Ende der 50er mit der deutschen Verfilmung von „Der Frosch mit der Maske“ aus – 38 Romane wurden bis Mitte der 70er als Film umgesetzt und waren für viele deutsche Schauspieler ein Sprungbrett in eine erfolgreiche Karriere, Brigitte Myra, Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Sigfried Lowitz, Eddy Arend und natürlich der vom Autor des Artikels sehr verehrte Klaus Kinski, um mal einige Namen zu nennen. Und natürlich muss man die Leistung einiger Regisseure, allen voran Alfred Vohrer, nennen, die mit einer recht launigen Mischung aus Krimi, Humor, Grusel und einer Prise Erotik (zumindest für die damalige Zeit) sehr zum Erfolg beigetragen haben, so dass einige der in dieser Zeit produzierten Edgar Wallace Streifen bis heute Kultstatus genießen, selbst bei Filmschaffenden in Übersee – so nennt Quentin Tarantino Alfred Vohrer als seinen deutschen Lieblingsregisseur! Die Wallace-Streifen liegen zwar schon seit einiger Zeit als chronologische Komplettboxen auf DVD, bzw. Bluray vor, mit „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ hat Koch Media eines der Spätwerke der Wallacefilme jetzt als ungeschnittene Fassung in einem sehr schicken Mediabook veröffentlicht, was umso bemerkenswerter ist, weil es sich bei dem Streifen um eine Wallaceverfilmung handelt, die sehr von den bekannten Klassikern wie „Der Hexer“ und Konsorten abweicht.

 

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Zur Handlung: Während eines Stelldicheins mit ihrem Italienischlehrer beobachtet die Schülerin Elisabeth ungewollt einen Mord in ihrer Nähe, der ihr jedoch keinen Glauben schenkt. Doch schon bald passieren weitere Morde, so dass der Italienischlehrer Henry Rossini, gespielt von Fabio Testi, schon bald in den Fokus der Ermittlungen von Kommissar Barth, gespielt vom Wallaceroutinier Joachim Fuchsberger, gerät, der den Lehrer für den Hauptverdächtigen hält. Rossini versucht seine Unschuld zu beweisen und ermittelt auf eigene Faust und stößt bald auf die Schülerin Solange, die ebenfalls Schülerin in dem Mädcheninternat ist, indem Rossini unterrichtet und indem alle Mordopfer ebenfalls zur Schule gingen. Ein gemeinsames Merkmal scheint es zu sein, dass alle Mädchen teil einer Clique waren, deren Erkennungszeichen eine grüne Stecknadel ist – und in einem Sumpf aus Gewalt, Vertuschungen und Sex gefangen waren….

Wie eingangs erwähnt, weicht diese Wallaceverfilmung sehr von der Mischung aus Krimi, Humor und Grusel ab, weswegen es bei seiner Erscheinung keine große Begeisterung bei Wallacefans gab, zu ernst war der Ton und auch die Gewalt war für viele Kinogänger ein wenig zuviel. Auch für die deutsche FSK, die dem Film erst nach einer Kürzung um 10 Minuten die Altersfreigabe „ab 16“ gab.

Dass diese Wallaceverfilmung sich so sehr von den der bekannten Formel entfernte, lag vor allem daran, dass es sich um eine italienisch-deutsche Coproduktion handelt, und die Einflüsse des deutlich plakativeren italienischen Kinos konnte man, auch wegen des italienischen Regisseurs Massimo Dallamano, kaum von der Hand weisen. Während es bei den deutschen Produktionen immer recht bieder zuging, hielten die Italiener schon recht früh explizit bei Gewalt- und Sexszenen drauf, vor allem im Kriminal- sowie im Horrorgenre, so dass es für deutsche Sehgewohnheiten ungewöhnlich war, was man da zu sehen bekam – die Morde werden für die damalige Zeit sehr explizit gezeigt, was übrigens auch für die Sexszenen galt. Auch dass der Fokus auf dem italienischen Hauptdarsteller und nicht auf Joachim Fuchsberger lag, der auf dem hiesigen Plakat als Hauptdarsteller geführt wurde, irritierte die Wallacefans, fast möchte man sagen, dass Fuchsberger eher eine Nebenrolle hatte. Kein Wunder, dass vor allem die deutsche Kritik den Streifen eher als „mäßig“ bezeichnet hatte und wenn man ihn mit den Maßstäben der früheren Wallacestreifen misst, ist man fast geneigt, den damaligen Kritikern Recht zu geben.

 

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Damit tut man dem Film aber Unrecht, denn auch wenn wenig an den „German Grusel“ der frühen Jahre erinnert, mit „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ hat man in großen Teilen einen frühen Vertreter des italienischen Giallofilmes, der zwar den Krimi als Vorlage nimmt, jedoch ziemlich eigene Wege geht – die Morde sind teils sehr verstörend umgesetzt und wie bei einem sehr guten Giallo schickt einen Massimano auf falsche Fährten, lässt tiefe Einblicke in die Psyche seiner Protagonisten zu und scheut sich auch nicht, den Zuschauer mit zum Teil sehr heftigen Szenen den Atem zu nehmen – als Beispiel sei hier eine sehr verstörende Abtreibungsszene genannt. Auch andere Merkmale des Giallofilmes fanden Einzug in den Film, das Motiv des behandschuhten Mörders findet man auch in vielen anderen Giallofilmen. Wo Wallaceverfilmungen schon beinahe ins „Märchenhafte“ gingen, nimmt sich diese Verfilmung deutlich ernster, was nicht nur an der beinahe realistisch anmutenden Ermittlungsarbeit der Protagonisten sowie der Darstellung der Verbrechen liegt, auch gibt Massimano seinen Figuren deutlich mehr Tiefe als es in anderen Wallaceverfilmungen der Fall ist – als Beispiel sei die Darstellung des Italienischlehrers genannt, der Anfangs nicht gerade ein Sympathieträger ist, kein Wunder, hat er schließlich eine Schülerin verführt, seine Frau betrogen und kein Wunder ermittelt die Polizei in seine Richtung, aber im Laufe des Films macht er aufgrund seiner eigenen Ermittlungen doch Einiges an Boden wett, so ganz sauber bleibt seine Figur dennoch nicht und man fragt sich, ob er sich die Mühe auch gegeben hätte, wenn er nicht in den Fokus der Ermittlungen geraten wäre.

Was man auch noch hervorheben sollte ist, dass der treibende Soundtrack von keinem Geringeren als dem Großmeister der Filmmusik, Ennio Morricone, geschrieben wurde, auch wenn dieser seine Arbeit in dem Film bis heute eher als unbedeutend kategorisiert, dennoch ist der Soundtrack in Verbindung mit den Bildern mehr als hörenswert. Und ebenso sollte man nicht unter den Tisch fallen lassen, dass ein weiteres späteres „Schwergewicht“ des italienischen Kinos an dem Film als Kameramann mitwirkte, die Rede ist vom Trashmeister Aristide Massacces aka Joe D´Amato, der Filmfans vor allem für seine Heuler im Bereich Splatter, Horror und SF bekannt sein durfte, so wie dem ein oder anderen auch wegen seiner Soft- sowie Hardcoreproduktionen aus dem Erotikbereich, in dem der Mann in seinen späteren Jahren sein Dasein fristete.

 

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Bleibt die Frage – was ist „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ jetzt? Eine etwas missglückte Wallaceverfilmung? Ein Giallo, der leider nicht an Klassiker wie „Blutige Seide“ oder „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ heranreicht? Die Antwort ist für den Autor keines von Beiden wirklich. Der Film ist einer der seltenen Hybriden aus verschiedenen Filmgenres aus unterschiedlichen Ländern und unter diesem Gesichtspunkt macht der Film Vieles richtig. Êine spannende und geheimnisvolle Geschichte, ein sehr gut aufgebauter Spannungsbogen, die dichte und sehr bedrohliche Grundstimmung sowie die erstklassiger Arbeit der Darsteller machen den Film sehr sehenswert, vor allem Liebhaber des italienischen Genrefilms kommen in dem Film sehr auf ihre Kosten, was die aus dieser Ecke guten Kritiken erklären dürfte, während die Wallacefraktion bis heute den Film eher sehr kritisch und ihn eher als misslungen betrachtet. Filmhistorisch kann man den Film durchaus als etwas seltene Perle sehen, weswegen es umso erfreulicher ist, dass Koch Media mit dem neuen Mediabook dem durchaus gerecht wird.

Neben der ursprünglichen Kinofassung findet man auch die ungekürzte italienische Fassung im Mediabook, bei der die geschnittenen Szenen allerdings nur untertitelt und in der italienischen OV belassen wurden. Dazu findet man, leider im englischen Originalton und ohne Untertitel, noch ein Audiokommentar des Filmhistorikers Troy Howarth sowohl auf der BD wie auch auf der DVD, dazu noch diverse Featurettes , verschiedene Trailer wie auch der italienische Originalvorspann, der vom deutschen Vorspann sehr abgeweicht. Ein besonderes Schmankerl findet man auf der dritten DVD, die von ARTE produzierte Doku „German Grusel“, die das Phänomen Wallaceverfilmungen aufgreift und in der neben diverser Protagonisten, Machern sowie Historikern auch Fans wie Kalkofe zu Wort kommen, der seinerseits mit seiner Persiflage „Der Wixxer“ den Wallacefilmen schon eine Hommage hat zukommen lassen. Sehr launig und unterhaltsam erzählt unterhält die knapp einstündige Doku sehr – und ist meines Wissens sonst nie in irgendeiner Weise auf DVD erschienen. Abgerundet wird die Veröffentlichung noch durch eine von Musik unterlegte Show mit Set- und Aushangphotos, nicht zu vergessen das tolle Booklet mit Fotos sowie diversen Texten zu dem Film wie auch ein Interview mit der „Solange“ Darstellerin Camille Keaton. Hier heißt es wieder ganz klar Daumen hoch für Koch Media für die Fülle an Bonusmaterial sowie das Artwork des Mediabooks, was sehr von den üblichen Wallaceveröffentlichungen abweicht – auch wenn man sich bei den Featurettes sowie dem Audiokommentar deutsche Untertitel gewünscht hätte. Dennoch muss man klar sagen, dass Koch Media hinsichtlich der Veröffentlichung den eigenen Maßstäben mehr als gerecht wird. Und natürlich sind alle Sprachfassungen, Deutsch, Italienisch und Englisch, mit an Bord.

 

Das Geheimnis der grünen Stecknadel - Bewertung

Seit dem 04. Mai 2017 auf Blu-ray und DVD im Mediabook von Koch Media erhältlich!

DVD-Cover & Bilder © und Eigentum von Koch Media GmbH. All Rights Reserved.

 

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