KRITIK – THE REVENANT

© 2015 Twentieth Century Fox
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Gast-Autor: Patrick Torma (Medien-Nomaden & Journalistenfilme)
Die Oscars 2016 haben ihren Favoriten gefunden: Mit zwölf Nominierungen geht „The Revenant“ ins Rennen um die begehrten Goldjungen. Regisseur Alejandro González Iñárritu überträgt die Erfolgszutaten seines Vorjahres-Abräumers „Birdman“ in ein raues Survial-Setting: Eine starke Besetzung robbt und schnetzelt sich durch beeindruckende Plansequenzen und metaphorisch aufgeladene Bildkompositionen. Hat da jemand „Kalkül“ gerufen? Aber bitte, wir sind hier immer noch in Hollywood! „The Revenant“ ist ein intensives Kinoerlebnis, fies und erhaben zugleich.

Zum Inhalt: THE REVENANT basiert auf der wahren Geschichte des legendären Trappers Hugh Glass. Während einer Expedition durch die nördlichen Grenzgebiete der noch losen Vereinigten Staaten, wird der Pelztierjäger (Leonardo DiCaprio) von einem Grizzlybären schwer verwundet. Der anschließende Krankentransport erweist sich im unwägbaren Gelände als nicht machbar, also bleiben Glass‘ Sohn Hawk, Grünschabel Jim Bridger (Will Poulter) und der rabiate Ex-Soldat Fitzgerald (Tom Hardy) zurück, um dem Todgeweihten die letzte Ehre zu erweisen. Fitzgerald denkt aber gar nicht daran, dem Sterbenden allzu viel Zeit zu lassen: In einer Mischung aus egoistischer Ungeduld, Überlebenstrieb und Furcht vor einem bevorstehenden Indianerangriff tötet er Hawk. Er und der überraschte Jim Bridger flüchten und überlassen Hugh Glass seinem Schicksal. Doch anstatt elendig zu verrecken, entscheidet sich dieser sich für seine Wiederauferstehung, antrieben von dem Verlangen, Rache an Fitzgerald zu üben…

 

© 2015 Twentieth Century Fox
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Eine simple Rachegeschichte, gestreckt auf über 150 Minuten. Vordergründig hat „The Revenant“ nicht viel zu erzählen. Und doch geht es um sehr viel mehr. Iñárritu nutzt die historische Vorlage nicht, um ein heldenhaftes Abenteuerfilmchen auf die Leinwand zu zaubern. Heldenhaft ist an „The Revenant“ wenig: Der Film entführt uns in einen Wilden Westen, in dem nichts mehr von der romantischen Verklärung übrig ist, die man sonst aus Groschenromanen und klassischen Western kennt. Der Pioniergeist der Gründerjahre ist von erschreckender Brutalität beseelt, die Kolonisierung des amerikanisches Kontinentes geht mit unsäglichem Rassismus einher, der eine blutige Spirale der Gewalt in Gang gesetzt hat. Ein unschuldiges Land wird befleckt, und das in einem einzigen Exzess, in dem selbst ein niederes Restmotiv wie Rache sinnlos erscheint.

Dieser Blick auf die Entstehungsgeschichte der USA ist nicht neu – aber selten wurde er so schonungslos umgesetzt wie in The Revenant. Die eröffnende Schlacht zwischen Trappern und Ureinwohnern ist an Erbarmlosigkeit kaum zu übertreffen. Schmerzhafte Erinnerungen an das Omaha-Gemetzel in „Der Soldat James Ryan“ werden wach. Ohne die gezeigten Gräueltaten gegeneinander aufzuwiegen: Grauen bleibt Grauen. Beide Filme zeigen das Unvorstellbare. Doch „The Revenant“ drückt uns noch näher an den Schrecken heran. Schwindelerregend wirbelt die Kamera von Emmanuel Lubezki um das Geschehen herum, bleibt wie eine Schmeißfliege an den Figuren kleben. Nur selten passt eine Armlänge dazwischen. Manchmal drängt sich die Kamera so nah auf, dass die Darsteller mit ihrem Atem die Linse beschlagen. Man lehnt sich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man „The Revenant“ attestiert, dass er einige der wohl intensivsten Szenen des Kinojahres 2016 zeigt. Dazu gehört auch die wuchtige Bärenattacke, die im Trailer angedeutet wurde und sicherlich im kollektiven Filmgedächtnis haften bleibt. Auch wenn man Meister Petz seine CGI-Abstammung deutlich anmerkt – aber wer lässt sich schon von einem echten Bären herumschubsen?

 

© 2015 Twentieth Century Fox
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Im krassen Gegensatz hierzu stehen die statischen und weiten Naturaufnahmen, die die Handlung immer wieder unterbrechen. Man kann sie als wohltuende Verschnaufspausen betrachten. Genauso gut kann man sich sicher sein, dass sich hinter jedem Naturphänomen ein tieferer Sinn verbirgt. Zarte Knospen, die sich aus dem Schnee erheben, symbolisieren beispielsweise die Genesung des Protagonisten. Tauwetter und Schneetreiben markieren erfreulichere und weniger erfreuliche Abschnitte seiner Reise. Unterschiedliche Mondphasen geben Aufschluss darüber, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Episoden vergangen sein mag. Alejandro González Iñárritu überlässt nichts dem Zufall. Bisweilen übertreibt er es mit seiner bedeutungsschwangeren Bildsprache – insbesondere die esoterischen Motive fallen negativ auf. Der spirituelle Chestburster, bei dem ein Vögelchen aus der Brust einer Sterbenden schlüpft und davonfliegt, wirkt eher unfreiwillig komisch als tiefschürfend.

Und doch sind es die ruhigen Momente, die „The Revenant“ perfekt abrunden. Ohne diese Bilder bliebe womöglich das Gefühl zurück, einem „Gravity“ im Wilden Westen beigewohnt zu haben. So beeindruckend und schweißtreibend „Gravity“ (ebenfalls von Lubezki fotografiert) als Weltraumtour de Force auch war: Bei dem Versuch, seinen Film auf eine Metaebene zu hieven, hatte sich Regisseur Alfonso Cuarón verhoben. Sandra Bullock in Fötusstellung durch die Schwerelosigkeit schweben oder aus der Ursuppe krauchen zu lassen, reichte jedenfalls nicht aus, um ins nächste intellektuelle Level aufzusteigen. Alejandro González Iñárritu hingegen gelingt der Spagat zwischen Action und Anspruch, und das beinahe über die gesamte Laufzeit von 150 Minuten. Das tut zwar beim Zusehen weh – aber selbst wenn man wenig für derartige Kunststückchen übrig hat, kommt man am Ende nicht umher, anerkennend Beifall zu klatschen: Was „The Revenant“ leistet, ist gut gemachtes Kino.

Bleibt abschließend die Gretchenfrage: Ist Leonardo DiCaprio endlich fällig? Keine Frage, niemand windet sich so schön in seinem eigenen Saft wie der ewige Oscar-Anwärter. Nach zahllosen Stunden in der Maske schleppt er sich noch durch Schnee und Eis. Sogar für eine ekelerregende Star Wars-Reminiszenz reicht der Einsatz. Mangelndes Engagement kann man ihm ganz sicherlich nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Spötter ätzen, „The Revenant“ erzähle die Geschichte von einem Mann, der verzweifelt einem Oscar nachjagt. Dabei hat DiCaprio diese Auszeichnung längst nicht mehr nötig. Dass er sie verdient hat, steht außer Frage. Aber ausgerechnet für „The Revenant“? Wenn es so kommt, dann lässt sich nichts dagegen einwenden. Allerdings: DiCaprios Figur ist nicht die interessanteste. Insbesondere Tom Hardy liefert als skrupelloser Mörder, dessen Beweggründe ansatzweise nachzuvollziehen sind, ein starke Performance ab. Etwas mehr Screentime und DiCaprio hätte auch ohne Zauselbart alt ausgesehen.

 

The Revenant - Bewertung
 

Seit dem 6. Januar 2016 nur im Kino!

 

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Kinoplakat, Bilder & Trailer © 20th Century Fox.

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4 comments on “KRITIK – THE REVENANT

  1. Kann man mich nur der Kritik anschließen, bei der Bewertung gehe ich etwas weiter, er bekommt 10 Punkte. Leonardo DeCaprio hat sein Oscar gefunden, durch die Kälte und den Schnee ist es nicht weit um seine Oscar Statue abzuholen :-). Alejandro González Iñárritu ist der Filmkunst-Regisseur in Hollywood seine Ansprüche den Kinobesucher was zu Bieten ist einzigartig, schon „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ hat mich Verzaubert was soll noch kommen?? Alejandro González Iñárritu bringte die Natur und die darstellung der Schauspieler in einer faszinierten Film.

  2. Sehr schöne geschriebene Kritik wo ich größtenteils zustimmen kann.
    Auch wenn ich paar Punkte anders sehe ,der Bär Angriff ist glaube ich mit das beste an Animation cgi was ich bisher gesehen habe eben weil man meiner Meinung nach cgi fast gar nicht erkennt und es sehr real wirkt super gemacht wenn auch grausam!
    Die spirituellen Szenen waren eindeutig Zuviel !
    Auch wenn es um das überleben geht und das auch realistisch rüberkommen soll zieht es sich doch sehr finde ich.
    Technisch gesehen hat er nen Oskar verdient besonders die Kameraführung.
    Trotzdem gebe ich ihm schlussendlich ne 8 weil er sich doch sehr zieht gesehen sollte man ihn haben für ein 2 mal schauen fehlt mir dann doch mehr .

  3. Eine wirklich gut geschriebene Kritik. Habe ich das aber richtig verstanden? Der Film bekommt keine volle Punktzahl da er es mit seiner Poesie ubertreibt?

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