KRITIK: THE NIGHT COMES FOR US

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© XYZ Films

Autor: Tom Burgas

Selten war es für mich so schwer einen Film zu bewerten. Spätestens seit BLOODSPORT sind wir dem Martial Arts-Sektor verfallen. Es reichte nicht mehr, dass irgendwelche ölbeschmierten Muskelmänner Knarren in die Luft heben konnten und aus den Gegner Schweizer Käse machten, auch wenn das stetig seinen Reiz behält.  In den 90ern kamen dann wieder die Asiaten groß raus: Jet Li, Jackie Chan und Konsorten eroberten wiederholt auch die weltweiten Kinoleinwände. Aber irgendwann Anfang der 2000er gab es keine neuen Kämpfer mehr. Angesagt war der Normalo der via CGI/Double und eigens nur für die Szenen geeignete Vorbereitung, das scheinbar selbe leisten konnte. Im erwähnten asiatischen Bereich und im B-Moviesumpf hielten Leute wie Donnie Yen oder Scott Adkins noch die Flagge hoch, aber die werden/wurden auch nicht jünger. Tony Jaa war ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber der musste ja eine Sinnkrise bekommen und im Wald verschwinden. So richtig kam er aus diesem dann auch nicht mehr raus.

Wer hätte gedacht, dass gerade aus Indonesien die nächsten Hammer-Beiträge kommen. War MERANTAU noch ein kleiner Geheimtipp hat der Regisseur danach mit THE RAID und seinem Nachfolger sogleich ein Klassiker gezaubert an denen bis heute wohl noch kein Körperkontaktfilm rankommt. Der Regisseur bleibt vorerst mit APOSTLE bei Netflix und verneinte es einen dritten THE RAID machen zu wollen und der Star des Ganzen, IKO UWAIS treibt sich auf allen Hochzeiten rum. Egal ob bei STAR WARS, US-Kinofilme wie MILE 22 oder Netflix und Heimkinofutter. Einer dieser Kracher fürs Heim war HEADSHOT, der nicht ganz an THE RAID rankam, der Vergleich aber auch unfair ist. Mit Regisseur Timo Thajanto legte er jetzt für NETFLIX den ersten indonesischen Film ab……….und was für einen!!

 

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© XYZ Films

Iko Uwais ist wie erwähnt, dabei, spielt hier aber „nur“ die zweite Geige. Sein Filmkollege aus THE RAID 2, Joe Taslim, darf hier das Ruder übernehmen und füllt die Rolle mehr als aus. Zu der Story muss man klassischer Weise kaum was sagen. Unser Protagonist ist gerade dabei ein Dorf auszulöschen, sein moralischer Kompass kommt bei einem kleinen Mädchen ins Wanken, welches er ab dem Moment beschützt und Schwupps sollen ihn seine alten Kollegen samt Mädel um die Ecke bringen. Ab diesem Moment, der so zirka bei 20 Minuten einsetzt geht es nur noch um eines: auf die Fresse!!!

Was hier abgeliefert wird ist konkurrenzlos. Von Anfang an wird klargestellt, dass es hier ruchlos zur Sache geht und während man am Anfang schon denkt, dass der ganz schön rabiat zur Tat schreitet, bildet er spätestens ab der Hälfte eine Gewaltspirale, die ich so noch nie zuvor gesehen habe. Zerplatze Köpfe, Macheten die dutzendfach in Körper schnippeln und auch gerne mal Gedärme, die man unsanft entfernt gab es scheinbar im Sonderangebot.

Und hier liegt auch mein anfänglich erwähntes Problem mit meiner Meinung zum Film. Natürlich sitzt man da und denkt sich „heilige Scheiße“ das gab es vorher so noch nie, jedenfalls nicht mit solch einer Ernsthaftigkeit. Andererseits wird eben alles andere scheinbar vergessen. Dass die Story Murks ist okay, geschenkt. Das hat uns Actionfreunde noch nie sonderlich interessiert auch wenn es immer spürbar aufwertet. Aber wenn DA schon nichts zu holen ist will man wenigstens gutes Schauspiel oder Dialoge oder wenigstens den Ansatz von Logik. Während man nämlich immer neue Arten findet WTF-Momente zu kreieren merkte ich wie mich das Ganze immer mehr langweilte. Ähnlich wie bei Torture Porn-Movies bekam ich das Gefühl, dass er sich auf seine Splattershow ausruht. Diese ist jederzeit gut gemacht und gut eingefangen, zeigte mir aber, dass weniger eben oft mehr ist.

 

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© XYZ Films

Über die Kampffähigkeiten aller brauch man hier übrigens nicht diskutieren, wohl aber über die Choreografien. Diese sind an sich überaus unterhaltsam und aufwendig. Allerdings merkt man zu oft, dass Bewegungen langsam ausgeführt werden, Leute im Hintergrund auf ihren Einsatz warten oder eben einfach abgehackt wirken. Dadurch hatte ich das ständige Gefühl einer Stuntshow, welche bei mir leider nicht durchgängig funktionierte, dadurch dass man eben keine Luft lässt für Charaktere, Dialoge oder Emotionen.

Wenn dazu dann noch am laufenden Band pathetische Reden über Freundschaften geschwungen werden während man sich so viel Liter Blut aus dem Körper schneidet, dass es für 10 Menschen reichen würde bin ich raus. Dass THE NIGHT COMES FOR US dann noch über 2 Stunden geht hilft auch nicht wirklich.

Jetzt muss ich jedoch zum großen AAAABBER ausholen. Denn einen kleinen Abschnitt will ich wenigstens nutzen um klarzustellen, dass er innerhalb seines Subgenres wohl neue Grenzen aufgestoßen hat. Musste THE STORY OF RICKY noch mit Humor gegensteuern ist es mittlerweile wohl möglich komplett ohne Auffangnetz zu arbeiten. Sollte die Intention also gewesen sein einfach nur ein brutales Kampfspektakel abzuziehen, welches sich immer weiter steigert und die Messlatte in Sachen „brutaler Martial Arts“ neu ansetzen will, hat er es geschafft. Als Film mit Inhalt versagt er allerdings komplett. Ich für meinen Teil kann es mir persönlich dann eben auch nichts schönreden, kann aber verstehen warum er vielerorts gefeiert wird.

 

The Night Comes for us - Bewertung

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