KRITIK – DAS KINDERMÄDCHEN – THE GUARDIAN (BLU-RAY)

© Universal Pictures / Koch Media GmbH
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Autor: Dominik Starck

Es ist ein Kreuz mit Siegen bei den Oscars. Kaum liefert man mit DER EXORZIST einen Horror-Welterfolg für die Ewigkeit, schon stellt jederman Erwartungen an einen 17 Jahre später erscheinenden weiteren Schauerfilm, die kaum zu halten sind. Aber William Friedkin wäre nicht einer der größten Filmemacher der letzten 40 Jahre, wenn er nicht zumindest auf Erwartungen pfeifen und infolge dessen auf hohem Niveau scheitern würde. Jetzt kehrt seine Nanny nach 25 Jahren auf dem Index in die Öffentlichkeit zurück und wird auf das breite Heimkino-Publikum losgelassen.

 

Zum Inhalt: Das Glück der jungen Eltern Phil (Dwier Brown) und Kate (Carey Lowell) scheint perfekt. Gut bezahlter neuer Job, schönes Haus, gesundes Baby und ein tolles Kindermädchen ist auch schnell gefunden. Als die noch vor Antritt des Jobs tödlich verunglückt rückt die Zweitbesetzung Camilla (Jenny Seagrove) nach und kümmert sich um Baby und Haushalt. Doch Camilla ist mehr als nur die gute Fee und auf das Baby wartet der Opfertod, wenn sie niemand aufhält…

 

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DIE BLAUE PHASE DES EXORZIST: WILLIAM FRIEDKINS NANNY AUS DER HÖLLE

In der Filmografie von Regisseur William Friedkin punktet weniger die Quantität als die Qualität. Auch wenn sein Name in der Regel am ehesten mit DER EXORZIST (1973) assoziiert wird, hatte er doch schon zwei Jahre zuvor mit THE FRENCH CONNECTION einen großen Hit gelandet, der Gene Hackman zum Star machte und Friedkin u.a. den Oscar für die beste Regie einbrachte. Bis heute zählt Hackmans Jagd nach einem Zug quer durch die Stadt zu einer der besten Verfolgungsjagten der Filmgeschichte. Einen ähnlich hohen Platz in Bestenlisten nimmt auch DER EXORZIST ein, der Friedkin eine weitere Oscar-Nominierung und mehrere Auszeichnungen bescherte. Eine Gegenbewegung war bei so viel Erfolg unvermeidlich und so gilt ATEMLOS VOR ANGST (OT: SORCERER) mit Roy Scheider eher als herausragender Geheimtipp denn als Erfolg.

Untätig blieb Friedkin zwar nie lange, aber der mit Abstand größte Erfolg der 1980er Jahre blieb TO LIVE AND DIE IN L.A. (1985) mit William Petersen und Willem Dafoe. Als dann nach einer TV-Produktion das Drehbuch für THE GUARDIAN, wie DAS KINDERMÄDCHEN im Original heißt, auf seinen Tisch flatterte, war Friedkins Begeisterung mäßig. Das Drehbuch von Stephen Volk war eine humoristisch durchsetzte Horrorthriller-Adaption des Buchs „The Nanny“ (dt. „Satans Frau“) von Dan Greenburg, die eigentlich mit Sam Raimi (TANZ DER TEUFEL) entwickelt wurde. Als Raimi sich dafür entschied, stattdessen DARKMAN zu drehen war Produzent Joe Wizan (…DENN ZUM KÜSSEN SIND SIE DA) im Zugzwang. Da Friedkin ihm etwas schuldig war brachte Wizan den profilierten Regisseur mit gewissem Ruf zu dem Projekt.

 

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Da Friedkin reale Schauergeschichten über Nannys – auch aus persönlicher Erfahrung- nicht fremd waren, ließ er sich auf das Projekt ein, was der Beginn einer Nerven zermürbenden Erfahrung für die meisten Beteiligten war, da das Projekt durch ihn immer wieder radikalen Veränderungen unterworfen wurde. Mal sollte es ein ernster Horrorfilm sein, dann wieder ein reiner Thriller ohne Übernatürliches. Letztlich setzte sich Friedkin mit seiner Vorstellung von Druiden und einem übernatürlichen Baum durch, sehr zum Widerwillen der meisten Kollaborateure. Der fertige Film stieß dann auch allgemein auf wenig Gegenliebe. Man hatte einen neuen Klassiker im Stile von DER EXORZIST erwartet und einen etwas uneinheitlich montierten Film bekommen, der schwer zu fassen war, sich Erklärungen verweigert und gegen die damals populäre „New Age“-Bewegung stellte. Die Zielgruppe junger Erwachsener mit Babys war auch schwer in Kinos zu bekommen und so lag der Film zwischen allen Stühlen.

Im Rückblick ist dies eine unfaire Rezeption eines Filmes, der es durchaus versteht, Sequenzen voller unwirklicher Spannung aufzubauen, den Terror und die Urängste junger Eltern zu erfassen, weitgehend stilsicher und ruhig zu erzählen um dann mit brachialen Momenten aus der Schock-Starre zu reißen. Während man in der Montage einige Schwächen ausmachen kann, ist die Kameraführung exzellent geraten, die Musik arbeitet minimalistisch und gekonnt gegen die Erwartung und die handgemachten Spezialeffekte können sich auch heute noch sehen lassen. Obwohl das Element der Natur eine gewichtige Rolle spielt hat der Film weniger eine grüne als vielmehr eine auffallend blaue Farbgebung und erinnert manchmal ein wenig an die „blaue Phase“ von Michael Mann (BLUTMOND, THIEF, HEAT).

 

© Universal Pictures / Koch Media GmbH
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Hinsichtlich der Besetzung ist das Bild etwas gespalten, da Charaktermimen wie Miguel Ferrer (TWIN PEAKS, ROBOCOP) und Natalia Nogulich (STAR TREK) in kleinen Nebenrollen abgehandelt werden und Dwier Brown und Carey Lowell über leicht hölzern agierenden Durchschnitt nicht hinauskommen. Jenny Seagrove leistet als Nanny Camilla allerdings gute Arbeit. Die britische Theaterschauspielerin überzeugt in allen Inkarnationen, die sie in dem Film durchläuft, auch wenn die Schauspielerin selbst eine nicht übernatürliche Herangehensweise an den Stoff bevorzugt hätte.

Die Zwiespältigkeit der Meinungen spiegelten sich auch darin wieder, dass der Film nicht mit Preisen überhäuft wurde, jedoch immerhin für drei Saturn Awards nominiert war (Bester Horrorfilm, Bester Nebendarstellerin Jenny Seagrove und beste Musik von Jack Hues). Letzten Endes kam Friedkin relativ unverhofft und widerwillig zu einem Projekt, welches er schließlich, teilweise gegen harten Widerstand, zu seinem eigenen machte und eine persönliche Vision auf die Auftragsarbeit aufsattelte. Das Ergebnis ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache aber von handwerklicher Faszination.

 

Das Kindermädchen - Bewertung

 


 

Zur Blu-Ray: Einmal mehr präsentiert Koch Media einen zu Unrecht unbekannteren Film auf einer lohnenden Blu-ray- stilsicher mit blauer Amaray zum blaustichigen Cover und dem nun erteilten blauen FSK-Logo (keine Sorge; es gibt ein Wendecover ohne FSK-Kennzeichnung). Wem die dem Alter angemessenen guten Bild- und Tonwerte nicht reichen, der sei beruhigt, denn auch sehr umfangreiches Bonusmaterial wird geboten. Dabei hat man auf die vor ein paar Jahren produzierten Interview-Features von „Shout! Factory“ zurückgegriffen, in denen nahezu jeder wichtige Beteiligte vor und hinter den Kulissen sehr offen über die Produktion spricht. Die acht Features kommen insgesamt auf eine stolze Laufzeit von rund 116 Minuten. Dazu gibt es noch ein 6-minütiges Promo-Making of aus den 90ern, Cast- & Crew-Profile (9 Minuten), englischen Trailer und TV-Spots (rd. 6 Minuten) sowie eine Bildergalerie. Würde man nach Perfektion verlangen könnte man den Audiokommentar von Friedkin vermissen, den dieser vor vielen Jahren einmal für eine andere VÖ eingesprochen hatte, doch die über zwei Stunden an Interview-Features decken den Film wirklich breit gefächert ab und lassen kaum Wünsche offen.

 

Ab 13. Juli 2017 auf DVD, Blu-ray und VOD erhältlich!

Blu-Ray-Cover & Bilder © Universal Pictures / Koch Media GmbH.

 

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