KRITIK – IN A VALLEY OF VIOLENCE

© Blumhouse Productions / Universal Pictures Germany GmbH
© Blumhouse Productions / Universal Pictures Germany GmbH

Autor: Dominik Starck

Mit IN A VALLEY OF VIOLENCE legt der junge Genre-Filmemacher Ti West (V/H/S) einen mit zwei profilierten Stars besetzten Independent-Film im besten Sinne des Wortes vor. Das bedeutet auch, dass es der von Jason Blum (die PARANORMAL ACTIVITY-/THE PURGE-Reihen) produzierte Oldschool-Western nicht mehr in die Kinos schaffte. Fluch oder Segen?

 

Zum Inhalt: Ein Mann (Ethan Hawke) mit düsterer Stimmung und talentiertem Hund trifft auf seinem Weg gen Mexiko auf eine ehemalige Schürfer-Stadt. Obwohl er versucht, Ärger aus dem Weg zu gehen, schießt sich der örtliche Raufbold Gilly (James Ransone) auf ihn ein, bis der Marshall (John Travolta) einschreiten und den Fremden aus der Stadt verscheuchen muss. Gilly kann die Sache nicht auf sich beruhen lassen und überschreitet auf grausame Weise die Grenzedessen, was der Fremde vergeben kann…

 

IN A VALLEY OF VIOLENCE fühlt sich den Traditionen sowohl des italienischen Western der 1960er Jahre verpflichtet als auch dem düsteren Spätwestern des amerikanischen Kinos. Obschon die meisten Szenen in gleißendem Sonnenlicht spielen gibt es wenig Optimismus in diesem Film und das obwohl er mit dem Hund des Protagonisten beginnt. Man mag es für einen billigen Taschenspielertrick halten, den Zuschauer durch den nicht verschleierten Einsatz dieses treuen Begleiters emotional mit der Geschichte zu verknüpfen- aber er funktioniert. Überhaupt ist Hund Jumpy, der Ethan Hawkes Freundin auf vier Pfoten namens Abby spielt, ein exzellenter Szenendieb, der eine Auszeichnung verdient hätte.
 

© Blumhouse Productions / Universal Pictures Germany GmbH
© Blumhouse Productions / Universal Pictures Germany GmbH

Denkt man bei den ersten Texttafeln noch, dass diese möglicherweise unpassend modern wirken angesichts dessen, dass gleich ein waschechter Western beginnen soll, so wird man nach dem Intro Lügen gestraft. Kaum wurde Hawkes Rolle vorgestellt folgt die Belohnung durch einen Vorspann, der ein grüßender Tipp an die Hutkrempe in Richtung der großen Spaghetti-Western ist. Wirkt dies vielleicht ein wenig aufgesetzt? Möglicherweise. Aber der Vorspann hat das Herz am rechten Fleck und es ist ja nicht so, dass diese Karte von Filmemachern heute noch oft gespielt wird. Es erscheinen nicht einmal genug Western, damit man überhaupt in eine solche Verlegenheit kommen könnte.

IN A VALLEY OF VIOLENCE wurde von Jason Blum und seiner Indiefilm-Schmiede Blumhouse produziert, was man dem Werk auch ansieht. Hier sind sowohl wahre Fans des Genrefilms am Werk als auch Menschen, die den kreativen Geist des Indiefilms mit der wirtschaftlichen Realität heutigen Filmemachens zu kombinieren verstehen. Ein junger Filmemacher wie Ti West bekommt hier die Möglichkeit, mit einem geringen Budget einen Film zu drehen, bei dem er die größtmögliche kreative Freiheit genießt und im Rahmen der limitierten Bedingungen noch einen Profit zu erzielen vermag.

Bei dem vorliegenden Werk sieht man die finanziellen Einschränkungen durchaus. Seltsam leer wirken viele Bilder, was bei einem Landschaftspanorama weniger stört als beim Aufenthalt in der Stadt, die über nahezu keine Statisten verfügt, welche die Szenerie etwas mit Leben füllen würden. Es gibt insgesamt gerade ein dutzend Rollen mit Text, wobei hier Rollen wie der namenlose Bartender bereits inkludiert sind. So sehr Ti West als Autor mit einigen knurrigen Monologen für Hawkes Figur leicht über das Ziel hinaus schießt, so sehr versteht er es aber auch, die überschaubare Figurenzahl zu seinem Vorteil zu nutzen. Selbst eine Rolle, die sonst als „Gangster Nr. 4“ verkümmert wäre, bekommt ihre Momente zugestanden, was auch das Spiel mit der Positionierung des Zuschauers spannender gestaltet.

Die große Stärke des Filmes liegt nämlich darin, dass er sich im dritten Akt strukturell in einen Slasher verwandelt. In bester JOHN WICK-Manier wird der Zuschauer so sehr an die Seite des Protagonisten getrieben, dass man sich regelrecht darauf freut, wenn er beginnt, seine blutige Rache zu servieren. So nahe dabei der Vergleich zu dem 2014 erschienen JOHN WICK auf den ersten Blick auch liegen mag, so sehr setzt sich IN A VALLEY OF VIOLENCE auch davon ab. Wick geht auf eine stylische Rachetour gegen unzählbare Feinde, wobei man als Zuschauer den Komfort hat, nie die Sympathie für Wick in Frage stellen zu müssen. In Ti Wests Film wird es einem nicht so einfach gemacht, denn so sehr man dem von Hawke gespielten Paul seine Rache auch gönnt, so sehr wird es immer schwieriger, sie in ihrer Unerbittlichkeit zu genießen. Nachdem Paul sein erstes Opfer gefunden hat wechselt der Film gar die Perspektive und bleibt bei den vermeintlichen Feinden, die nun eher Opfern gleichen, die um ihr Überleben kämpfen müssen.

 

© Blumhouse Productions / Universal Pictures Germany GmbH
© Blumhouse Productions / Universal Pictures Germany GmbH

Die Entscheidungen, die West als Filmemacher an dieser Stelle getroffen hat, kann man nur als mutig und hervorragend bezeichnen. Sie retten die ansonsten simpel strukturierte Liebeserklärung an alte Clint Eastwood-Filme davor, ein einfach zu kategorisierendes Erlebnis zu sein.

Bei der Besetzung stechen natürlich Ethan Hawke (GATTACA) und John Travolta (PULP FICTION) ins Auge. Beide liefern einen guten Job ab, wobei Travolta mit einer schon beinahe untypischen Verletzlichkeit punktet. Hawke hatte diesen Film gedreht, bevor er eine Rolle im flachen Remake von DIE GLORREICHEN SIEBEN (2016) erhielt, der aber früher erschien. Das Genre steht ihm in jedem Fall und durch Filme wie THE PURGE und SINISTER 2 war er auch ein alter Bekannter von Blumhouse-Produktionen.

Eher durch Serien bekannt sind die bezaubernde Taissa Farmiga (AMERICAN HORROR STORY), die ehemalige DOCTOR WHO-Begleiterin Karen Gillan (GUARDIANS OF THE GALAXY) und Burn Gorman (TORCHWOOD), der einen gelungenen Gastauftritt als Priester hat. Den Hauptschurken gibt James Ransone, der die beiden SINISTER- Filme genauso in seiner Vita stehen hat wie die Amazon-Serie BOSCH mit Titus Welliver.

Mit den sichtlich geringen Mitteln des Films ist es trotz zweier bekannter Namen auf dem Poster wenig verwunderlich, dass er es in Deutschland nicht in die Kinos schaffte, wo selbst Filme mit dem 20-fachen Budget und dreimal mehr Stars untergehen. Erschwerend kommt hinzu, dass es das uramerikanische Genre des Westerns hierzulande schon lange schwer hat. Doch selbst in der Heimat lief IN A VALLEY OF VIOLENCE nur sehr limitiert in gerade 33 Kinos. Vielleicht wäre die manchmal etwas karge Kulisse auf großer Leinwand auch noch negativer zu Buche geschlagen. Andererseits hätte man diesem Underdog das verdiente  größere Podium gewünscht. Das ist jedoch die Realität für kleine und mittlere Filmen in diesen Tagen: sie können nur noch das Heimkino-Publikum wirksam erreichen. Da dieses immer größer und beständig technisch besser bestückt wird, sollte dies aber kein Grund zur Trauer sein, solange genug Menschen Filme wie diesen auf Disc kaufen oder streamen.

 

In a Valley of Violence - Bewertung

 

Infos zur DVD: Die deutsche Heimkino-VÖ von Universal Pictures liefert erwartungsgemäß gute Bild- und Tonwerte sowie verschiedene Untertitelspuren. Das Bonusmaterial ist allerdings das schlechteste Feigenblatt aller Zeiten: ein zwei (in Zahlen: 2) Minuten langer Behind-the-Scenes-Clip eröffnet und schließt die Extras.

 

Ab 12. Januar 2017 auf DVD, Blu-ray und VOD erhältlich!

DVD-Cover & Bilder © Blumhouse Productions / Universal Pictures Germany GmbH.

 

788 total views, 1 views today