KRITIK – THE HATEFUL EIGHT

© Universum Film GmbH & Co. KG
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Autor: Dominik Starck

Natürlich ist „The Hateful Eight“ nicht der achte Film von Kult-Regisseur Quentin Tarantino, es sei denn, man möchte seinen „Grindhouse“-Beitrag „Death Proof“ unter den Tisch fallen lassen, weil dieser noch am ehesten dem nahe kommt, was man in des Meisters Oeuvre als Flop bezeichnen könnte. Aber das wackelige Marketing-Gimmick des „8. Films“ sollte die Vorfreude angesichts des tatsächlich vorhandenen „glorreichen 70mm Bildformat“ nicht trüben. Zumal man Tarantinos zweiten Western in Folge und Überlänge im Kino wahlweise als reguläre Fassung oder seltenere Roadshow-Version mit Unterbrechung genießen kann. Vorhang auf für den größten Tarantino bis heute: ein Kammerspiel.

Zum Inhalt: Amerika, kurz nach Ende des Bürgerkrieges: zufällig trifft ein im Schnee gestrandeter Kopfgeldjäger (Samuel L. Jackson) auf einen Kollegen genannt „der Henker“ (Kurt Russell). Der befördert gerade seine Beute (Jennifer Jason Leigh) per Kutsche Richtung Red Rock und –viel wichtiger- Richtung Galgen. Unterwegs gabelt die neu gegründete Zweckgemeinschaft noch Red Rocks neuen Sheriff (Walton Goggins) auf. Der nahende Blizzard zwingt alle, in einem einsamen Gasthaus einzukehren, wo sie auf einen Cowboy (Michael Madsen), einen Konföderierten-General (Bruce Dern), den kleinen Mann (Tim Roth) und Mexikaner Bob (Demian Bichir) treffen. Doch einer der Fremden ist nicht, was er vorgibt zu sein und bald beißt in der Isolation der Hütte der Erste ins verschneite Gras…

 

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Eigentlich war dieser Film bereits totgeweiht noch ehe die erste Klappe geschlagen wurde. Er war schon so tot wie Tarantinos „Reservoir Dogs“, denen hier gewaltig Tribut gezollt wird. Lange Zeit hatte sich Quentin Tarantino, seines Zeichen Revolutionär des Gangsterfilms der 90er Jahre, bereits damit beschäftigt, einen Western zu Papier zu bringen. Das sollte niemanden verwundern, berücksichtigt man seine filmischen Vorbilder und erste, noch etwas kaschierte Gehversuche in dem Genre mit seinem „Kill Bill, Vol. 2“ (2004). Schließlich wurde eine Tarantino-Hommage an den Spaghetti-Western angekündigt: „Django Unchained“ (2012). Dieser wurde denn auch Tarantinos kommerziell erfolgreichster Film, obwohl er weder ein „Django“-Film noch ein tatsächlicher Spaghetti-Western im US-Gewand war, sondern vielmehr ein Southern über alle Facetten der Sklaverei, in den sich ein paar Stilmittel des Italo-Western eingeschlichen haben.

Schritt 2 auf dem Weg zum Western-Regisseur? Nachlegen und dabei Varianz aufzeigen! Echte Western-Regisseure gibt es heute kaum noch. Der letzte dürfte Kevin Costner gewesen sein und selbst dieser kann trotz Oscar-Erfolg („Der mit dem Wolf tanzt“, 1990) nur selten im Genre nachlegen. Aber Tarantino hat eben eine Sonderstellung in Hollywood. Und diesmal schielt er nicht Richtung Italien sondern zurück auf die goldene Zeit der amerikanischen Westernserien. „The Hateful Eight“ sollte ein echter US-Western werden, der die Event-Charaktere etwa einer „Bonanza“-Staffel in einem Film zusammen führt. Und dann kam der fatale Leak. Eine Handvoll Vertraute erhielten das Drehbuch vorab und –um bei dem Bild zu bleiben- im Handumdrehen wurde es im Internet veröffentlicht. Enttäuscht vom Vertrauensbruch sagte Tarantino seinen Film bereits ab. Erst eine öffentliche Lesung des Drehbuchs mit Freunden und die damit verbundene positive Resonanz sorgten für ein Umdenken. Das Drehbuch wurde noch einmal überarbeitet, schließlich wurde das Element des 70mm-Breitbildformats hinzugefügt und schlussendlich im tiefen Schnee gedreht.

 

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Jetzt gibt es ihn also doch, den zweiten, bereits tot geglaubten Tarantino-Western- und die Reaktionen von Publikum und Kritik sind gemischt. Kein Wunder; der Mut, etwas anderes zu machen und nicht die Erwartungen zu bedienen, wird oftmals abgestraft. Dabei gibt es so viele Pluspunkte hervorzuheben:

Wie üblich liefern alle Darsteller unter Tarantino Bestleistungen ab. Sich über eine vermeintlich an Tarantinos letzte Muse Christoph Waltz angelehnte Rolle aufzuregen (Tim Roth) fällt schwer angesichts des Umstands, dass Samuel L. Jackson all jene Lügen straft, die meinen, er könne nur noch auf Marvel-Modus in gefühlt jedem zweiten Film überhaupt aufschlagen. Kurt Russell demonstriert, weswegen schon sein Psychopath in „Death Proof“ eine Pracht war. Ihn in dieses Setting einzubeziehen ist ohnehin ein Geniestreich, gibt es doch manche Reminiszenz an John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“, in welchem Russell ebenfalls die Hauptrolle inne hatte. Walton Goggins lieferte mit den herausragenden Serien „The Shield“ und „Justified“ bereits Performances für die Ewigkeit ab und enttäuscht auch auf der großen Leinwand nicht. Etwas kürzer kommen Tim Roth („Lie to Me“) und Michael Madsen („Species“), die beide seit „Reservoir Dogs“ in schöner Regelmäßigkeit wieder mit Tarantino gearbeitet haben. Gleiches gilt für die Oscar-nominierten Bruce Dern („Nebraska“) und Demian Bichir („Taffe Mädels“). Ein echter Szenen-Dieb ist aber die für die Rolle Oscar-, Golden Globe- und BAFTA-Award nominierte Jennifer Jason-Leigh. Ob in David Cronenbergs „eXistenZ“ oder Sam Mandes „Road to Perdition“, gute Leistungen ist man von ihr stets gewohnt, doch hier übertrifft sie sich selbst.

Über Fremdkörper Channing Tatum („21 Jump Street“, „Magic Mike“) möchte der Autor gar nicht zu viele Worte verlieren, außer: Tatum ist bemüht, macht nicht viel falsch und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, es sei eine erzwungene Besetzung.

 

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Ennio Morricone, die von Tarantino bereits mehrfach zitierte Lichtgestalt des Italo-Western-Soundtracks, komponierte für den Film einen eigenen Score, der vielleicht nicht sein bester aber ein guter ist. Die Oscar-Nominierung gab es obendrauf. Die Musik ist überraschend rar eingesetzt und vielleicht nicht ganz so eingängig wie bei Sergio Leones „Eine Handvoll Dollar“, aber definitiv ein Ohrwurm-Kandidat. Vielleicht hatte sie auch Einfluss auf die Entscheidung Tarantinos, diesmal erstaunlich wenig weitere Songs zu verwenden. Fans vergessener Pop-Perlen gehen diesmal zwar nicht leer, aber weniger gesättigt aus dem Film.

Bleiben die ebenfalls Oscar-nominierten Bilder von Robert Richardson, der schon drei von den Goldmännern im Schrank hat und zu Tarantinos Stamm-Mannschaft gehört. Ob man nun für im Grunde nur einen Großraum zwingend einen der breitesten Filme der Filmgeschichte drehen musste, wird eine Frage sein, über die man in geselliger Runde noch manche Stunde debattieren kann. Richardson und Tarantino holen in jedem Fall das Maximum aus den Möglichkeiten heraus und huldigen damit einem praktisch ausgestorbenen Format, was man ihnen hoch anrechnen muss.

Die Härten des Films beschränken sich auf die zweite Filmhälfte und wenn sie dann eintreten braucht man sie im Grunde nicht mehr. Bis dahin wird geredet. Sehr viel geredet. Ganz so, wie man es von Tarantino kennt und liebt, aber weniger auf Humor ausgerichtet als gewohnt. Es ist ein Charakterstück, das sich intim und authentisch anfühlen möchte, dem es nicht darum geht, Tage später in der Kantine zitiert zu werden. Man muss sich auf ihn einlassen, auf den Tarantino, der mehr Bildinhalt zeigt als je zuvor und dabei formal weniger zu zeigen hat. Die Schauspieler füllen das Bild und nutzen jeden Zentimeter davon. Sie sind es, die einen in den Schneesturm folgen lassen und wegen ihnen verlässt man die Hütte erst, wenn der Blizzard namens Quentin sich verzogen hat. Es dürfte spannend werden, diese Geschichte auf der Theaterbühne zu erleben. Doch bis dahin werden die Fans von „High Chaparrel“ und Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ mit dem vielleicht am wenigsten überraschenden aber erwachsensten Film von Hollywoods berühmtestem Videotheken-Angestellten Vorlieb nehmen müssen.

 

The Hateful 8 - Bewertung

 

Fazit: Die hasserfüllten Acht sind nicht die kultigsten Charaktere, die Tarantino jemals geschaffen hat und trotz 70mm-Breitbild ist der Film auch nicht sein visuell interessantestes Werk. Darüber hinaus ist die Gewichtung der acht Figuren nicht immer gelungen und überraschende Wendungen finden sich erstaunlich wenige. Trotzdem ist das überlange Kammerspiel nie zu lange, trotz der fehlenden Spannung ist es nie langweilig. Es ist großes, klassisches Schauspielkino, dem man eine etwas mitreißendere Geschichte gewünscht hätte.

Andererseits; Tarantinos Filme leben selten vom Inhalt als vielmehr von der Form. Und angesichts dessen legte der Meister hier sein bisher vielleicht reifstes Werk vor. Aber vielleicht ist genau dies das Problem. Wenn der ehemalige Rebell Hollywoods erwachsen wird verschwindet auch etwas von dem, weswegen man ihn lieben lernte. Schlechter ist Tarantino nicht geworden. Anders schon. Das Leben als immerwährende Phase der Veränderung. Und die macht neugierig darauf, was als nächstes folgt.

 

Ausstattung der Blu-Ray: Während man an Bild und Ton der deutschen Blu-ray nicht viel aussetzen kann (außer natürlich, dass man die volle Wirkung des 70 mm Bildformates nur im entsprechend ausgestatteten Kino erleben kann), ist es um die Sonderausstattung deutlich schlechter bestellt. Zwar gibt es ein Wendecover ohne FSK-Kennzeichnung und die beiden deutschen Kinotrailer zum Film, doch abgesehen davon haben es gerade einmal zwei kurze Features auf die Disc geschafft. Diese wurden nicht einmal neu erstellt sondern waren bereits Teil der Promotion-Kampagne der Kinoauswertung und in diesem Rahmen im Internet zu sehen. „Beyond the 8“ wirft rd. 5 Min. lang einen „Blick hinter die Kulissen“, wobei hier hauptsächlich die Darsteller ihre jeweiligen Kollegen hervor heben. Etwas besser geraten ist „Der Zauber von 70 mm“, wo rd. 7 Min. über das ungewöhnliche Bildformat und die Roadshow-Fassung gesprochen wird. Apropos Roadshow-Fassung: wer gehofft hatte, dass diese leicht längere Schnittfassung des Films ihren Weg auf die Blu-ray finden würde, darf zusammen mit den Bonusmaterial-Fans enttäuscht weiter warten, ob irgendwann eine Special Edition Abhilfe schafft.

 

 

 ZWISCHENFOLGE – STARCKE WORTE – THE HATEFUL EIGHT


 

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