KRITIK: DOCTOR SLEEPS ERWACHEN

© Warner Bros. Entertainment
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Autor: Sam Freissler

Zum Inhalt: Fast 40 Jahre sind seit den traumatisierenden Ereignissen im Overlook Hotel vergangen. Nur knapp konnten Danny, der kleine Junge mit dem sogenannten Shining, und seine Mutter Wendy Torrance ihrem dem Wahnsinn verfallenen Familienoberhaupt Jack entkommen.

Danny, inzwischen ein erwachsener Mann, ist wie sein Vater alkoholabhängig geworden, um so sein Shining zu unterdrücken. Er gerät in Kneipenschlägereien, hat keine Arbeit und kein zu Hause. In der Kleinstadt Frazier findet er jedoch Halt, besucht regelmäßig Meetings der Anonymen Alkoholiker und findet eine Einstellung als Krankenpfleger, in welcher er seine übernatürliche Gabe dazu nutzt, Patienten beim Übergang in Jenseits zu verhelfen, was ihm den Spitznamen Doctor Sleep einbringt. Acht Jahre ziehen ins Land, bis Danny plötzlich Botschaften einer weiteren Person mit dem Shining empfängt. Das kleine Mädchen Abra Stone, welches ebenfalls mit der Gabe gesegnet ist, nimmt Kontakt zu Danny auf, und bittet ihn um seine Hilfe. Denn durch das Land zieht eine Gruppe von Leuten, genannt der „Wahre Knoten“, die auf der Suche nach Menschen mit dem Shining sind, um sich genau davon zu ernähren umso ihr Leben zu verlängern. Sie spüren sie auf und quälen sie, da Qualen den „Steam“ reinigen. Als der „Wahre Knoten“ auf Abra aufmerksam wird, entfacht ein Kampf zwischen Gut und Böse.

 

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King/Kubrick. The Shining 1980/The Shining 1997. The Shining/Doctor Sleep.

Was man auch immer gegenüberstellt, die Geschichte um die Familie Torrance und ihre schrecklichen Erlebnisse im Overlook Hotel sind ein heiß diskutiertes Thema in der Welt des Films. Im Jahre 2019 angekommen gingen aus der „The Shining Story“ bisher fünf Inkarnationen hervor. 1977 veröffentlichte Stephen King seinen Roman „The Shining“, die Ursprungs-Vision dieser Geschichte. 1980 kommt Stanley Kubricks erste Verfilmung in die Kinos, die stark von Kings Buch abwich. Kubrick lehnte damals sogar das von King höchstpersönlich selbst verfasste Skript ab. 1997 beschlossen King und „The Stand“-Regisseur Mick Garris die Geschichte endlich richtig zu erzählen, diesmal in Form einer dreiteiligen TV-Miniserie, einem sehr beliebten Format des 90er-Jahre-US-Fersehens. Bei dieser entschied man sich für ein von King verfasstes Drehbuch.

2013 beschloss King schließlich seinen Roman „The Shining“ mit „Doctor Sleep“ fortzusetzen. Sechs Jahre später nahm sich nun Mike Flanagan der Verfilmung von „Doctor Sleep“ an, die versuchte alle verschiedenen Erscheinungsformen der Geschichte unter einen Hut zu bringen. Dabei stellt letztere Inkarnation ein Unikum im King-Universum dar. Zum einem, weil King noch nie zuvor eine waschechte Fortsetzung zu einer seiner alten Geschichten zu Papier gebracht hatte, zum anderen, weil Flanagan nun vor der komplizierten Aufgabe stand, einen Fortsetzungs-Roman zu verfilmen, dessen Vorläufer in filmischer Form kaum Ähnlichkeit mit dem Vorläufer in Buchform hatte. Da Kubricks „The Shining“ derart tief in unserer Popkultur verankert ist, konnte man ihn eigentlich nicht außen vor lassen. Ein Brückenschlag musste her, mit dem sowohl Stephen King als auch die Fans des Kubrick-Films zufrieden gestellt werden konnten.

 

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Als Beispiel hierfür dient der berüchtigte Ort des Schreckens, das Overlook Hotel selbst, welches am Ende von Kings Roman im Flammen aufging und abbrannte, in Kubricks „Shining“ jedoch nicht. Somit existierte das Overlook auch nie im Roman „Doctor Sleep“, dessen Ende jedoch an dem Ort stattfindet, wo einst das böse Hotel stand. Ein altes King-Motiv: Vielleicht ziehen böse Orte böse Kreaturen an. Im jetzigen Kinofilm „Doctor Sleep“ existiert das Overlook noch. Es wurde geschlossen und rottete die Jahrzehnte über vor sich hin. Somit fühlen sich auch die Enden von Roman und Film sehr unterschiedlich an.

Interessanterweise ist „Doctor Sleep“ dabei, trotz manchen Auslassungen und Abänderungen, um die Geschichte an die vom Kubrick-Film vordiktierte Welt anzupassen, einer der werkgetreusten Stephen-King-Verfilmungen geworden. Alle wichtigen Story-Elemente und Charaktere des Romans finden sich im Film wieder. Der nimmt sich darüber hinaus mit einer Laufzeit von 152 Minuten viel Zeit, seine Figuren einzuführen und sich entwickeln zu lassen. Niemals hat man bei „Doctor Sleep“ das Gefühl, dass Regisseur Mike Flanagan versucht zu schnell durch die Handlung zu drängen, um möglichst zügig am Overlook Hotel anzugelangen. Sogar den Antagonisten, dem „Wahren Knoten“, räumt Flanagan viel Zeit ein.

 

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Interessante und erinnerungswürdige Bösewichte sind im Kino ein rares Gut geworden. Ganz besonders die Marvel-Filme, mit die größten Filmproduktionen unserer Gegenwart, haben einen sehr unrühmlichen Katalog an völlig belanglosen und unbedeutenden Schurken vorzuweisen. In „Doctor Sleep“ jedoch verbringt man als Zuschauer viel Zeit mit dem „Wahren Knoten“, welcher sich nach Jahrhunderten seiner Existenz in einer Welt wiederfindet, in der es nur noch wenige Leute mit dem Shining zu geben scheint, von dem sie sich seine Mitglieder ernähren. Sie selbst sind permanent von der Angst getrieben zu sterben.

Flanagans Verliebtheit in die Figuren und in die Geschichte spürt man in jeder Szene des Films. Stephen King ist ein Autor, dessen Erzählungen oft falsch verstanden werden. Horrorgeschichten sind bei King in allererster Linie keine Horrorgeschichten, sondern Dramen, in denen die Charaktere und deren Leben im Vordergrund stehen. Der Horror schleicht sich nur langsam ein. Nicht ohne Grund sind „Die Verurteilten“ (1994), „The Green Mile“ (1999), „Misery“ (1990) oder „Stand by Me“ (1986) mit die besten King-Verfilmungen aller Zeiten. Es sind Geschichten die eher in melancholische, erbauliche oder Thriller-artige Territorien vordrangen, wo nicht der blanke Horror im Vordergrund stehen stand. Genau dies zeichnet auch „Doctor Sleep“ aus, bei dem die Menschlichkeit und Zwischenmenschlichkeit der Charaktere ein notweniger Gegenpol zur unerbittlichen Grausamkeit des „Wahren Knoten“ ist.

 

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In gewisser Weise ist auch „Doktor Sleep“ ein Gegenpol, und zwar zur Ästhetik seines Vorgängers. Seit seinem Kinostart vor mehr als 40 Jahren hat Stephen King Kubricks Version oft in der Öffentlichkeit kritisiert. Dabei ging es King, zum Zeitpunkt des Schreibens stark alkoholabhängig, vor allem um den Hauptcharakter des Romans: Jack Torrance. Dieser war auch Schriftsteller und auch alkoholkrank, doch spielten dessen Sucht, Rückfall und geistiger Verfall in Kubricks Film so gut wie keine Rolle.

„Doctor Sleep“ fällt in so ziemlich jeder Hinsicht anders aus als „The Shining“. „The Shining“ war kalt und abweisend. Es ging um Isolation und die Charaktere durchlebten nur wenige Entwicklungen. „Doctor Sleep“ ist fast schon ein Roadmovie, dessen Figuren sich den verschiedensten Hürden stellen und ihre größten Ängste überwinden müssen. Letztendlich tat sich Mike Flanagan gut daran, weder „The Shining 2“ noch ein Prequel zu drehen. An solch einem arbeitete Warner sogar vor einigen Jahren. „Doctor Sleep“ ist eine außergewöhnliche und teilweise spezielle Geschichte. Man sich glücklich schätzen, dass Warner den Mumm hatte, sie so werkgetreu umsetzen zu sehen. Hier steht nicht der Grusel im Vordergrund. Vielmehr ist „Doctor Sleep“ eine Mischung aus Drama, Mystery und Thriller, mit einigen Versatzstücken des Horror-Genres.

 

Doctor Sleeps Erwachen - Bewertung

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