VIDEOTHEKEN-BUCH: ERINNERUNGEN AN DIE MÜNCHNER FILMPASSAGE

© WUZI / Ezra Tsegaye
© WUZI / Ezra Tsegaye

Eine Liebeserklärung an die Filmtempel, die uns prägten und die heutige Popkultur maßgeblich mit beeinflussten.

Aktuell bereiten wir mit WUZI ein Buchprojekt zu der guten alten Videothekenzeit vor. Als kleinen Appetizer gibt es hier vorab und exklusiv einen Buchbeitrag aus dem Projekt zu lesen.  Es handelt sich dabei um eine Videoshop-Anekdote von Florian, der praktisch in den verrauchten und Sonnen-geschützten Filmtempeln aufgewachsen ist.

 

MÜNCHNER FILMPASSAGE:

Ich war in vielen Videotheken zu Hause, egal ob konventionelle Franchise-Ketten alla MONTE VIDEO und BLOCKBUSTER oder privat geführte Geschäfte wie das VIDEO LAND OST, aber keine Videothek hat mich und meinen Filmgeschmack über einen längeren Zeitraum mehr beeinflusst als die MÜNCHNER FILMPASSAGE.

 

Auf zu neuen filmischen Ufern.

Nachdem Anfang der 90er meine Stammvideothek VIDEO LAND OST für immer seine Pforten schloss, haben sich für mich mit dem Eintritt in die FILMPASSAGE neue Filmwelten geöffnet. Mein Freund Igor hatte mich auf die spätere Münchner Videoinstitution aufmerksam gemacht. Dabei machte er mir den Laden mit einem flammenden Appell schmackhaft. So erzählte er, dass die FILMPASSAGE nicht einfach nur eine typische Videothek war, sondern ein Filmpalast von gigantischem Ausmaß, der einerseits Neuheiten in schier unendlich großer Stückzahl vorrätig hatte und andererseits auch Klassikern, Independent-Perlen und dem abseitigen Film Regalplätze einräumte. Das zentral gelegene Geschäft wurde 1988 von dem Unternehmer Charly Braun eröffnet, der u.a. auch CHARLYS VIDEO – einer ebenfalls recht bekannten Münchner Videothek, die neben der Aral-Tankstelle in der Richard-Strauß-Straße integriert war – betrieb. Nach knapp 10 Jahren übernahm Walter Griesgraber die FILMPASSAGE und leitete diese bis zu ihrem Ende im Jahr 2012. Aber zurück zu der Hochzeit der Traditionsvideothek. Denn ein Vorteil der FILMPASSAGE war auch, dass diese aufgrund ihres Standortes am Isartor mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen war. So hielten sowohl die S-Bahn als auch die Trambahn direkt vor den Toren des Filmtempels.

 

© 2013 / Florian Wurfbaum
© Florian Wurfbaum / Florian und Igor bei einem Kinobesuch 2013

Ein Ort voller Vielfalt und Kopientiefe.

Und als ich dann bei meinem ersten Besuch im Sommer 1990 ein komplettes Wandregal nur mit dem gerade erschienenen Action-Hit LOCK UP erspähte, war es endgültig um mich geschehen. Meine vorherigen Videodealer hatten im besten Fall 2 oder 3 Stück von einem potentiellen Video-Blockbuster, aber eine ganze Wand mit mindestens 50 VHS-Kassetten von einem Titel, nein, das kannte ich nicht, so dass ich mich hier im Paradies wähnte. Doch leider gibt es auch immer eine Schattenseite und im Fall der FILMPASSAGE war dies die computergeführte Verwaltung. Denn der herzlose PC wies den Videothekar darauf hin, dass Klein-Florian noch ein paar Jähren zur Volljährigkeit hatte. Folglich trat ich ohne Stallones Knast-Actioner unterm Arm mit gesenktem Haupt meinen Heimweg an. Hier angekommen erzählte ich meiner Mutter mit großem Enthusiasmus von dem neuen heißen Laden in der Stadt und bat sie am nächsten Tag mit mir dort hinzugehen, um Stallone und mich endlich zu vereinen. Als ich dann am nächsten Tag den Film tatsächlich für 24 Stunden mein Eigen nennen durfte, kam für mich die zweite schlichtweg unfassbare Neuerung zum Tragen. Denn bei einem Ausleihvorgang bekam man nicht nur die Kassette, sondern konnte zudem auch noch die Original-Videohülle mit nach Hause nehmen. Was zu dieser Zeit absolut ungewöhnlich war, erst mit dem hiesigen Markteintritt der US-Videokette BLOCKBUSTER wurde dieser Vorgang salonfähig. Jedoch war BLOCKBUSTER trotz des mitgegebenen Covers und der hohen Verfügbarkeit nie wirklich mein Fall, da es den Filialen an Charme und Identität fehlte. Zumal BLOCKBUSTER weitestgehend auf FSK 18 Titel verzichtete und somit praktisch keine älteren Filme der großen 80er Actionhelden im Regal stehen hatte.

Ein weiterer Vorteil der FILMPASSAGE war das diese lange Öffnungszeiten hatte, so dass man selbst nach einem Kinobesuch noch kurz vorbeischauen konnte. Während meiner aktiven Mitgliedschaft wurden um Mitternacht die Türen geschlossen. In den 80er hatte die Videothek sogar noch rund um die Uhr geöffnet. Natürlich gab es in der Zweibrückenstraße 8 auch Knabberzeugs, Getränke und Süßwaren für den perfekten Filmabend zu erwerben.

 

© WUZI / Ezra Tsegaye
© WUZI / Ezra Tsegaye

Heinz Eckert, lebendes Filmlexikon und Herz sowie Seele der Filmpassage.

Im Laufe meiner Kundenlaufbahn lernte ich aber nicht nur die hohe Verfügbarkeit von Neuheiten zu schätzen, sondern genoss auch die gebotene Auswahl an abseitigen Filmen, Independent-Perlen und englischsprachigen Originalkassetten. Zudem verfügte die FILMPASSAGE über ein großes Kaufkassetten-Portfolio und wurde von einem überaus fachkundigen und fürsorglichen Personal betrieben. Aus der Belegschaft stach der Programmleiter Heinz Eckert heraus. Der leidenschaftliche Cineast mit markanter Hornbrille verfügte über ein außergewöhnliches Filmwissen und konnte daher selbst ausgewiesenen Filmwissenschaftlern noch einen Filmtipp geben. Scheinbar ernährte sich das eloquent auftretende Unikat ausschließlich von Filmen und Zigaretten, an denen er immer wieder genüsslich zog. Herr Eckert war in Sachen Filme umfangreicher und präziser als jeder Wikipedia-Eintrag je sein könnte. Von Jean-Luc Godard über Steven Spielberg bis Roger Corman, der Kundenbetreuer kannte und schätze sie alle. Zudem wusste er immer genau, wo in dem gigantischen Filmarchiv welcher Film zu finden war. Dies machte den schlanken Herrn in Verbindung mit dem unglaublich tiefen Filmbestand der Videothek zu einer wahren Attraktion, die für einen Bekanntheitsgrad weit über Münchens Grenzen hinaus sorgte. Laut Herrn Eckert war die FILMPASSAGE in den 90er Jahren sogar die bekannteste Videothek Deutschlands, was sicherlich auch mit der guten Mundpropaganda zu tun hatte.

Der stets adrett in schwarz gekleidete Filmkenner war außer montags täglich immer von 15 – 24 Uhr in der FILMPASSAGE anzufinden. Der leidenschaftliche Raucher versuchte selbst  ungestümen Action-Junkies wie mir und meinem Kumpel mit abseitigen Empfehlungen den Filmhorizont zu erweitern. An dieser Stelle möchte ich mich bei Herrn Eckert für das Nahelegen der französischen Milieu-Studie TEE IM HAREM DES ARCHIMEDES bedanken. Denn die erstklassige Tragikomödie wäre ohne seine Empfehlung wohl nie in einem Fisher Videorekorder gelandet. Übrigens, wenn mal tatsächlich ein Filmtitel nicht im Bestand war, bestellte Herr Eckert diesen nicht selten umgehend, um den Kunden zufrieden zu stellen und das Archiv weiter zu vervollständigen.

Allerdings konnte der weltmännische Kundenbetreuer auch anders, wenn man sich zum Beispiel unaufgeschlossen oder gar abfällig über einen vermeintlichen Filmtipp äußerte, verweigerte der Maestro den Verleihvorgang, nach dem Motto, wenn du dich nicht auf den Film einlassen willst, dann kannst du dir die Sichtung auch sparen oder härter ausgedrückt „du hast den Film schlichtweg nicht verdient“. Anzutreffen war Herr Eckert immer im Kellergeschoss, wo sich das eigentliche Herzstück des zweistöckigen Filmarchivs befand. Von der großen, mittig befindlichen Theke dirigierte das wandelnden Filmlexikon das ungemein große und vielfältige Programm. Manchmal zog er auch eine vermeintlich vergriffene Neuheit unter der Theke hervor und machte den Gast glücklich. Das verschachtelte Kellergewölbe mit dem beflissenen Boden hatte zudem einen gewissen Charme und übte natürlich in Verbindung mit den tausenden Filmen eine große Faszination auf mich aus.

 

© Münchner Filmpassage
© Münchner Filmpassage

Nicht nur Verleih-, sondern auch Kaufprimus in München.

Im wesentlich helleren Erdgeschoss befand sich dagegen der Eingang, die Kasse und ein Kaufkassetten-Bereich. Dazu gab es im Hinterhof des Hauses eine Erwachsenenvideothek, in der man mit den sogenannten bösen Filmen versorgt wurde. Natürlich wurde hier nicht die Videohülle mit Hause gegeben, ansonsten wäre der Kundenstamm wohl verhältnismäßig klein geblieben. Als ich die Volljährigkeit endlich erreicht hatte, kaufte ich mir dort meine erste indizierte VHS. Es war der Cannon-Kracher AMERICAN FIGHTER mit Michael Dudikoff in der Hauptrolle. Das gute Stück war mit 39 DM praktisch ein Schnäppchen und befindet sich natürlich auch heute noch in meiner Sammlung.

 

Branchengrößen, Promis und ein Superstar.

Das erwähnte Gesamtpaket führte auch dazu, dass die FILMPASSAGE im Laufe der 90er zu einer wahren Institution wurde und sich selbst Promis die geliehenen Kassetten in die Hand reichten. Nicht nur Leute aus der Münchner Schickeria (Modezar Rudolph Mooshammer mit Promi-Hündin Daisy) besuchten den Filmtempel regelmäßig, sondern auch deutsche Schauspielgrößen (Charly Huber), Filmemacher (Dominik Graf) und prominente Fußballstars (Mehmet Scholl) schauten vorbei. Die Krone setzte dem Ganzen aber der „King of Pop“ persönlich auf, denn auch Michael Jackson durfte während seines konzertbedingten München-Aufenthalts in der FILMPASSAGE begrüßt werden und lieh zur Entspannung ein paar Disney-Produktionen aus.

Aber das war noch nicht alles: Münchens Video-Hotspot wurde auch als Schauplatz für die TV-Sendung AUF VIDEOSEHEN genutzt. Hier stellte Moderator Rolf Zacher die aktuellen Videohighlights vor. Die Show lief von 1989-1991 auf SAT1 und brachte es auf über 60 Episoden. In der Spitze erreichte Zacher mit seinen Videotipps bis zu 1,3 Millionen Zuschauer. Die FILMPASSAGE selbst wurde auch aufgrund ihres unfassbar breiten Filmbestands von Universitäten auf der ganzen Welt als Ressourcenzentrum für Film empfohlen.  In den Regalen waren Filme in 30 verschiedenen Sprachen zu finden.  Egal ob japanischer Underground, skandinavische Avantgarde- und Experimental-Filme oder osteuropäische Dokumentationen, hier wurden selbst die außergewöhnlichsten Wünsche erfüllt.

 

Trotz einiger gelegentlicher Seitensprünge in andere Videohäuser blieb ich der FILMPASSAGE über Jahrzehnte treu. Die unvergleichbare Sortimentsbreite zwischen Blockbuster, Genre-Futter, Arthouse-Perlen, Filmklassiker und abseitigen Independent-Werken war und ist unübertroffen. Umso geschockter war ich als die einstige Institution nach fast 25-jährigen Bestehens im März 2012 endgültig ihre Pforten schloss.

Ich danke den Machern um Martin Braun, Walter Griesgraber und Heinz Eckert für ihre Leidenschaft, Kundenfürsorge und Durchhaltevermögen. Es war eine aufregend schöne Zeit bei euch, die ich nie vergessen werde und nach dem weiter fortschreitenden Videothekensterben umso mehr vermisse.

Auf Videosehen…

 


 

Euch hat die Zeitreise in die gute alte Videotheken-Epoche gefallen und ihr möchtet uns unterstützen oder gar teil dieses Buchprojektes werden?

Dann meldet euch doch einfach unter der E-Mail Adresse:

wuzi-verlag@gmx.de bzw. wurfisblog@yahoo.de

Egal ob Brancheninsider, ehemaliger Videothekar oder leidenschaftlicher Videothekengänger. Jeder kann dabei sein und uns unterstützen. Wir suchen einfach alles zu der Videothekenzeit von den späten 70er bis Anfang der 00er Jahre, als die DVD das VHS-Tape aus den Videoregalen verdrängte. Du hast Bilder, Anekdoten oder gar Insidergeschichten hinter der Theke oder aus der Verleihbranche, dann immer her damit. Bildtechnisch suchen wir zum Beispiel alte Mitgliedsausweise, Innen und Außenaufnahmen von Videotheken und ein Mitschnitt von der Rolf Zacher SAT1 Show AUF VIDEOSEHEN.

Also, lasst uns gemeinsam die Videothekenzeit per liebevolle Hommage in Buchform hochleben.

 

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