KRITIK – CAPTAIN KRONOS – VAMPIRJÄGER (BLU-RAY / MEDIABOOK)

© Anolis Entertainment GmbH & Co.KG / Hammer Films
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Autor: Dominik Starck

Durch ihre Bildung und unerschütterlichen Glauben überzeugende Vampirjäger im Stile von Kruzifix- und Pflock-Schwinger Van Helsing waren gestern: heute (oder strenggenommen seit Mitte der 90er Jahre) dominieren hippe und harte moderne Jäger wie Blade und Buffy die Welt von Vampirfilm und –Serie. Allzu oft wird dabei die Genre-Frischzellenkur des Traditionshauses „Hammer“ namens CAPTAIN KRONOS – VAMPIRJÄGER übersehen. Übersehen deshalb, weil der Versuch eines Franchisestarts kein kommerzieller Erfolg wurde. Dafür erlebt CAPTAIN KRONOS in den letzten Jahren eine verdiente Renaissance unter Genrefans, die dank der deutschen Blu-ray-Heimkino-Premiere keine Entschuldigung mehr haben, den revolutionären Film mit dem „Horst aus der Sesamstraße“ nicht zu kennen.

Zum Inhalt: Captain Kronos (Horst Janson), ein Mann mit mysteriöser Vergangenheit, zwei Schwertern und einem Gehilfen namens Professor Grost (John Cater), folgt dem Hilferuf seines alten Freundes Dr. Marcus (John Carson). In dessen Umgebung sind einige junge Mädchen rapide gealtert und dann verstorben. Kronos soll dem Unheil Einhalt gebieten. Schnell vermutet man einen Vampir mit alternativer Ernährung als Quell des Übels. Dieses Kind der Nacht kann scheinbar nicht nur bei Tage zuschlagen sondern raubt den Opfern die Lebenskraft anstelle des roten Lebenssaftes. Doch Kronos wäre nicht seines Zeichens erfolgreicher Vampirjäger, wenn er nicht mit Katana und toten Kröten wirksame Waffen gegen das räuberische Böse hätte…

 

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VAN HESLINGS ERFOLGLOS COOLER ERBE STUTZT SCHWERT SCHWINGEND JUGEND-VAMPIREN DIE STAUBIGEN FLÜGEL

Der Versuch einer Inhaltsangabe wird weder der Figur des Kronos noch der schieren Flut an originellen und manchmal auch verrückten Ideen gerecht, die CAPTAIN KRONOS zu bieten hat. Es verwundert kaum, dass noch zahlreiche weitere Ideen vorhanden waren, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr realisiert werden konnten. Manches hätte man vielleicht in einer Fortsetzung oder Serie verarbeiten können, doch aus dem geplanten Franchise rund um den geheimnisvollen Captain wurde leider nichts. Der Abstieg des Hauses Hammer, das über eine Dekade lang u.a. mit seinen DRACULA– und FRANKENSTEIN-Filmen von England aus den Horror revolutioniert und dominiert hatte, war unabwendbar. Der Wandel der Zeit hatte in den frühen 70er Jahren eine andere Art Horrorfilm bedingt und Hammers Wille zur Veränderung kam zu spät. Trotzdem; man sieht diesem Film an, dass man neue Wege beschreiten wollte, auch wenn an einigen Ecken das letzte Quäntchen Mut zur radikalen Abkehr von alten Mustern fehlte.

 

© Anolis Entertainment GmbH & Co.KG / Hammer Films
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Der neue Protagonist Kronos wird als eine Art Italowestern-Antiheld portraitiert, ein Mann, der vielleicht selbst etwas von einem Vampir hat und mit Degen, Schwert und japanischem Katana gleichermaßen umzugehen vermag. Die passende Besetzung fand man nicht in den Reihen der Hammer-Vertrauten, sondern in dem blonden Deutschen Horst Janson, der als Dauerstudent DER BASTIAN ein nationaler Straßenfeger wurde, aber auch in internationalen Produktionen wie AUSBRUCH DER 28 oder STEINER – DAS EISERNE KREUZ II zu sehen war. In den 80er Jahren wurde er als Gastgeber der SESAMSTRASSE zum Kindheitsbegleiter einer Generation. Natürlich hatte der schweigsame aber schneidige Kronos auch einen Draht zur Damenwelt, was hier in einer schön ausgeleuchteten Liebesszene zwischen ihm und Carla alias Caroline Munro mündet. Genre-Sternchen Munro (DER SPION DER MICH LIEBTE), bis heute gern gesehener Gast auf Festivals und Conventions, bezeichnet die Arbeit mit Janson an dem Film stets als eine ihrer besten Erfahrungen. Janson selbst mag nach dem Flop des Films nicht mehr allzu viele Gedanken an den Captain verschwendet haben, doch der Fan-Liebe, die ihm dafür seit einiger Zeit zuteilwird, kann er sich nicht entziehen.

In Deutschland schaffte es der Film nicht einmal ins Kino und später auch nicht auf VHS oder ins Fernsehen, war also außerhalb von Cineasten-Kreisen nicht existent. Das änderte sich erst als Anolis ihn 2004 im Rahmen ihrer „Hammer Edition“ erstmals synchronisieren ließ und hiernach auf DVD veröffentlichte. Bei dieser Synchronisation bekam Janson runde 30 Jahre nach der Produktion des Filmes die Gelegenheit, sein archiviertes jüngeres Ich selbst zu synchronisieren. Dies ist insofern amüsant ist, als dass seine guten Englischkenntnisse damals mit ein Grund dafür waren, ihn für die Rolle zu besetzen- nur, um ihn im Englischen schließlich doch komplett zu synchronisieren.

 

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Der geistige Vater von CAPTAIN KRONOS war Autor Brian Clemens (1931-2015), seines Zeichens Schöpfer der Kultserie MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE (THE AVENGERS), der für seine ausgefallenen und witzigen Ideen bekannt war. Für Hammer hatte er bereits DR. JEKYLL UND SISTER HYDE geschrieben, bei CAPTAIN KRONOS konnte er zudem auch die Regie übernehmen; sein einziger Ausflug in diesen Beruf. Wer als Querdenker bekannt ist kann aber natürlich nicht nur Hits wie THE AVENGERS und DIE PROFIS aufs Papier bringen und so findet sich auch der zu Recht umstrittene HIGHLANDER 2 in Clemens‘ Vita. Der Film, der in seiner Kinofassung aus den mystischen Unsterblichen verbannte Aliens des fernen Planeten Zeist machte, spaltet bis heute Fan- und Kritikerscharen.

In jedem Fall kann man Clemens still bewundernd die Schuld dafür geben, dass sich CAPTAIN KRONOS für seine Entstehungszeit anders anfühlt, frischer und frecher. Vampire, jagen bei Tageslicht, trinken nicht Blut, sondern Lebenskraft, der Showdown zwischen Jäger und Gejagtem ist ein langer Schwertkampf und überhaupt entpuppt sich der Weg dorthin als „Whodunit“ mit Tätersuche im Krimistil. Man kann sich gut vorstellen, wie diese Welt in einer nachfolgenden Serie oder Fortsetzungsfilmen weiter hätte erforscht werden können. Auch das Thema Zeitreise hängt irgendwie über dem Film ohne konkret thematisiert zu werden.

 

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Aus heutiger Sicht ist all das natürlich nicht mehr völlig neu, Genre-Mixturen sind an der Tagesordnung und überhaupt war Wesley Snipes in BLADE eine viel fiesere Kampfmaschine als Horst „der Bastian“ Janson, obschon der den Job nicht nur wegen seines Aussehens sondern auch seiner Fecht- und Reitkünste wegen bekam. Gelingt es einem jedoch, sich in die Zeit zurückzuversetzen, in der es neben Gentleman-Jäger Peter Cushing nicht viel zu bestaunen gab, dann erkennt man, wie anders der Film für seine Zeit war und weswegen er auch heute noch weit weniger angestaubt als viele seiner Verwandten wirkt.

CAPTAIN KRONOS ist ein echtes, aus dem Rahmen fallendes Juwel des klassischen Vampirfilms, zum wieder- und neuentdecken, aber freilich hat der Film auch ein paar Schwächen. Etwas mehr augenzwinkernde Selbstironie hätte gerade seinem Titelhelden nicht geschadet und so gut durchdacht die Bildkomposition auch ist, wirken die Kostüme manchmal zu hell, sauber und wie aus dem Theaterfundus. Auch Kronos‘ einsilbige Ernsthaftigkeit war mit Verweis auf den Rollentypus des Italowestern zwar beabsichtigt, passte aber nicht ganz zu dem sonst so fidelen Film.

Aber all dies ist Jammern auf dem hohen Niveau eines sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Filmes, der mehr Aufmerksamkeit verdient und von dem man sich Fortsetzungen gleich welcher Art gewünscht hätte.

 

Captain Kronos - Bewertung

 


 

Zum Mediabook: Man wird beinahe müßig es zu erwähnen, aber einmal mehr hat Anolis mit seiner Neuauflage eines Hammer-Filmes jedwede Erwartung einfach ignoriert- und sie damit weit übertroffen. Stolze drei verschiedene Blu-ray-Aufmachungen kommen simultan in den Handel. Wählen kann man zwischen den Mediabook-Varianten „Cover A“ und „Cover B“ sowie der Standart-Amaray-Hülle, die quasi ein „Cover C“ schmückt. Zur Prüfung lag das Mediabook Cover A vor.

Sieht man einmal von der gewohnt liebevollen Aufmachung ab, den gemessen am Alter guten Bild- und Tonwerten, so bleibt immer noch eine über jeden Zweifel erhabene Sonderausstattung, welche die Veröffentlichung zum Pflichtkauf macht. Auch Besitzern der alten DVD kommen eigentlich nicht an einem Upgrade vorbei. Stolze vier filmbegleitende Audiokommentare, jeweils zwei in Deutsch und Englisch, liefern flächendeckend alles von Erinnerungen der Beteiligten vor und hinter den Kulissen bis hin zur filmhistorischen Analyse. „Captain Kronos“ Janson höchstselbst spricht -begleitet von Hammer-Kenner Uwe Sommerlad- über die Dreharbeiten, Regisseur/Autor Clemens ist in beiden englischen Kommentaren (einer mit Besetzung, einer mit Stab) dabei und brandneu ist der so fachmännische wie kritische Kommentar von Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz. Letztgenannte haben auch einen halbstündigen Videokommentar aufgenommen, diesmal allerdings in Englisch.

Wem diese rund 6,5 Stunden an Kommentaren noch nicht genug sind, dem bietet die Edition das Feature „Kronos Returns – Captain Kronos Reunion“ (27 Min.), ein 2003 im Zuge der DVD-VÖ geführtes aber bis dato unveröffentlichtes Interview von Sommerlad mit Janson (73 Min.), britischer und US-Trailer (jew. rd. 3 Min.), die Comic-Adaption (18 Min.) sowie Werberatschläge, US-Presseheft, das Filmprogramm und zwei Bildergalerien. Insgesamt kommt die Edition -ohne die Kommentare mitzurechnen- auf satte 144 Min. Bonusmaterial. Zum Abschluss kann man sich dann noch das 28-seitige Booklet mit Texten von Dr. Giesen und Sommerlad zu Gemüte führen.

Alles in allem einmal mehr eine Klassiker-Veröffentlichung mit Referenzcharakter, die einen wünschen lässt, dass jeder Film so auf den Markt kommen würde, auch wenn das einen Cineasten ruinieren könnte. Diese VÖ ist jeden Cent wert. 9.5/10 Punkte

 

Seit dem 02. Juni 2017 auf Blu-ray im Mediabook von Anolis erhältlich!

Mediabook-Cover & Bilder © Anolis Entertainment GmbH & Co.KG / Hammer Films.

 

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